Höchststrafe Depression

Tschechows «Iwanow», inszeniert von Johan Simons am Schauspiel Bochum

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Schon klar, wenn man sich als Jury gerade auf Johan Simons’ Bochumer «Hamlet»-Inszenierung beim Theatertreffen geeinigt hat, müsste man schwer rechtfertigen, Simons «Iwanow» aus Bochum auch noch einzuladen. Und doch fehlt dieser grandiose Abend, der die Zuschauer reihenweise zum Weinen bringt, in der Zehner-Auswahl 2020.

Johan Simons – und sein Hauptdarsteller Jens Harzer – nehmen uns mit in den Kopf einer psychischen Erkrankung und lassen doch verstehen, warum Iwanow zugleich reihenweise Frauenherzen bricht: Die innere Leere des Depressiven ist mit allen Arten von Wunschprojektionen zu füllen. Die Frauen wollen ein Geheimnis ergründen, das es nicht gibt. 

Minutenlang herrscht zunächst auch auf der Bühne Stille. Jens Harzer sitzt mit strubbeligen Haaren zusammengesunken auf einem Stuhl und liest, inmitten eines goldenen Zimmergerüsts. Johannes Schütz hat ein Haus gebaut, dass das Gegenteil von Behausung ist, die toten Äste vor der Tür zeigen, dass die Natur auch keine Hilfe ist. Wir sehen die Welt aus Iwanows Augen, sie ist eine Zumutung. Alles ist ihm entrückt, und Harzer spielt diese abgründige Einsamkeit herzzerreißend. Jeder mensch­liche Kontakt ist ihm zuwider, und trotzdem ...

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Theater heute Mai 2020
Rubrik: Was fehlt?, Seite 18
von Dorothea Marcus

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