Stuttgart: Sich selbst ermächtigen
Dumm gelaufen für Martin. Der junge Mann ist Marxist und meint, er sei ein intelligenter Stratege. Er beauftragt seine Freundin Anna, mit einem der Faschisten anzubandeln, die durch die Stadt ziehen. Sie soll auskundschaften, was die Stoßtrupps des «Dritten Reiches» im Schilde führen. Anna macht das nicht ungern, kehrt vom inszenierten Techtelmechtel aber mit einem Knutschfleck zurück, was Martin dann doch empört. Was er nicht wahrhaben will: Der Faschist ist über seine Freundin hergefallen.
Als Ödön von Horváth 1931 ein Stück schrieb, in dem er die immer ungenierter prügelnden Nationalsozialisten ins Visier nahm, tat er dies, indem er die rechte Gefahr wie einen Spuk behandelte und sich fast ausschließlich mit denen beschäftigte, die die Faschisten eigentlich verhindern wollen: mit Sozialdemokraten und Kommunisten, die so schwach, selbstverliebt und zerstritten sind, dass sie sich selbst entmächtigen. Der republikanische Stadtrat Rammelsberger zum Beispiel drischt hohle Phrasen und knechtet seine Frau in aller Öffentlichkeit, kuscht aber vor dem Rädelsführer der Faschisten.
In Stuttgart hebt sich der Eiserne Vorhang und gibt den Blick frei auf die riesige Spielfläche des ...
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Theater heute November 2019
Rubrik: Chronik, Seite 60
von Jürgen Berger
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