Dunkle Räume

Über das Schreiben ohne Hand am Geländer, die leere Worthülse Identität, ein Leben zwischen Sprachen und der Frage, welcher Stoff zu einem gehört: eine Mainzer Poetik-Vorlesung

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Darkroom 1: Dunkelheit

Ich bin noch nie in einem Darkroom gewesen, dachte ich jedenfalls, bis ich einer Diskussion in einem Berliner Theater zuhörte. Einer der Teilnehmenden auf dem Podium schilderte seine Erfahrungen in queeren Sexräumen, und je mehr er erzählte, desto klarer wurde mir, dass ich die längste Zeit meines Erwachsenenlebens genau dort verbracht hatte.

 

Anfangs, so beschrieb der Mann, spürt man die Anspannung in den Knochen, dieses leise Vibrieren des inneren Basses, etwas schwappt in einem hin und her, als wäre man ein Wassergefäß auf unsicherem Grund. Man wird unkonzentriert, zerstreut in Gesprächen, man schweift ab und erwischt sich bei Fragen, die aus dem Zusammenhang gerissen zu sein scheinen: Wann habe ich das letzte Mal ihre Stimme gehört? Wie war der Geruch hinter ihrem Ohr? Warum frage ich mich das überhaupt?

Noch bevor man weiß, dass man einen dieser Orte aufsuchen wird, ist die Ahnung da; noch bevor man zum Smartphone greift, um eine Adresse ausfindig zu machen. Fast beiläufig trifft man Entscheidungen – man sucht sich einen bestimmten Tag aus, man wählt die Zeit, man weiß, man geht alleine. Schon am Tag davor macht man sich Gedanken über den Dresscode, ...

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Theater heute Oktober 2019
Rubrik: Essay, Seite 46
von Sasha Marianna Salzmann

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