Münster: Der Reichsbürger in uns
Die sogenannten Reichsbürger, verrannt in eine abstruse Parallelrealität, die ihre proklamierte Staatenlosigkeit mit Waffengewalt verteidigen, tragen jene Züge von Maßlosigkeit, Narzissmus, Größenwahn, der großen Theaterfiguren innewohnt. Konstantin Küspert und Ko-Autorin Annalena Küspert mussten nicht weit suchen, um Stoff für ihre Auftragsarbeit zu generieren: Rund zwei Wochen vor der Uraufführung «Der Reichsbürger» flog in der liberalen Studentenstadt Münster, quasi vor den Toren des Theaters, wieder einer auf, mit 93 Schusswaffen und rund 200 Kilo Munition. Rund 15.
000 Reichsbürger soll es in Deutschland geben, Tendenz kräftig steigend in blühenden Zeiten der Verschwörungstheorie, die glauben, dass die deutsche Besatzung nie beendet worden ist, somit das Grundgesetz für sie nicht gelte und sie die Exekutive selbst in die bewaffnete Hand nehmen können. Schlagartig bekannt wurde die Bewegung 2016, als ein «Reichsbürger» in Bayern einen Polizisten durch seine Haustür erschoss.
Der Mann, der die Zuschauer im Theater Münster empfängt, kommt dagegen weit weniger martialisch herüber. Wilhelm Schlotterer trägt Glatze, blaues Sakko und verwegen-sympathischen Ohrring, er bietet in der ...
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Theater heute Juni 2018
Rubrik: Chronik, Seite 59
von Dorothea Marcus
Jeder für sich hat seine Eigenheiten, aber alle zusammen sind sie eine wirklich herzwärmende Urhorde: neun Menschlein, nackt und schamfrei in ausgepolsterten Bodysuits mit dicken Bäuchen, hängenden Brüsten, kleinen Schrumpelpimmeln, schwabbelnden Fettpolstern, wie sie mit leicht eckigen Bewegungen, dabei recht gelenkig durch ihre Familienhöhle turnen. Sie sprechen...
Irrsinn» schreibt er im Mail-Austausch, mit dem wir versuchen, eine Verabredung zu treffen. «Irrsinn» – das ist André Kaczmarczyks «Wahnsinn», wie ihn Botho Strauß’ Lotte Kotte (natürlich im Tonfall der Edith Clever) in der Begegnung mit sich und der Welt ausrief. Ist bei ihm Synonym für die Euphorie, das Limit zu überschreiten, für die Beschreibung seines...
Manchen Theaterleuten eilt ihr Ruf so weit voraus, dass man meinen möchte, da kommt ein Lebtag keiner mehr hinterher, der den noch einholen und befragen könnte. Andrea Breth und Michael Thalheimer sind von diesem Schlage. Breth mit dem Ruf der Siegelbewahrerin eines feinpsychologischen Schauspielertheaters, die in Demut vor den dramatischen Werken noch in ihre...
