Versuche im Visionären
Sie hat sich in den vergangenen Jahren zurückgezogen, jedenfalls ist schon seit Längerem wenig von ihr zu sehen: die Vision im Theater. Bildstarke, rätselhafte, beunruhigende, verstörende Bühnen werden seltener. Robert Wilson hat sich abgenutzt, junge Regisseure scheinen sich eher wenig für die Suggestivkraft fremder Bildwelten zu interessieren.
Gegen diesen Trend hat sich Andreas Kriegenburg in den vergangenen Jahren immer wieder visionären Entwürfen zugewandt, er entwickelte – etwa für Kafka oder Dea Loher – überraschende, starke und manchmal auch höchst suggestive Räume, selbstdrehende Bildmaschinen, träumerische Rondells, stummfilmnahes Personal. Shakespeares «Sturm», das Politmärchen vom fernen Eiland mit zauberischen sowie komischen Einlagen, scheint da wie für Kriegenburg geschaffen, ein Bildwelterfinderdrama, ein Suggestionstheatertext.
Was Kriegenburg in drei Stunden in das große Frankfurter Schauspiel hineinzuzaubern versucht, ist dann allerdings so geheimnislos wie eine Amtsstube am Montagmorgen. Es gibt einen großen, dickstammigen, schief gewachsenen, ebenso weißen wie hellbeleuchteten Baum. Dazu einen kleinen Elfenchor in hellem Mauve oder Beige, der zwar weiblich ...
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Theater heute Juni 2016
Rubrik: Aufführungen, Seite 19
von Peter Michalzik
Machen Sie mal alle: Ohhh!», grinst der «Musiktherapeut Hubert Wild» in die Zuschauerrunde und nervt gleich übergriffig weiter: «Staunen Sie mal in Ihren Hocker rein!» Man hatte ja durchaus befürchtet, dass sich dieses in jeder Hinsicht hohle Sitzmöbel, das man eingangs aus Pappmaché selbst hatte basteln müssen, zum zentralen Handlungsträger dieses seltsamen...
«Der hängt ja ganz schief», sagt Dimitrij Karamasow zu seinem kleinen Bruder, dem Mönch Aljoscha. Gemeint ist der silberne Zweimeter-Jesus, der (übrigens wie eine Eins!) über ihnen am Kruzifix hängt. Schon schickt sich der aufgekratzte Dimitrij an, dem Gottessohn zu einer besseren Haltung zu verhelfen – eine Aktion, die auf der Bühne des Schauspiels Hannover...
Für das Wiedersehen nach zwanzig Jahren lässt die Paderborner Intendantin Katharina Kreuzhage ein Filmset auf der Bühne aufbauen. Scheinwerfer werden von zwei Schauspielern herein gerollt. Die Frau, die Leyla spielt, wartet an der markierten Stelle, bis sich plötzlich ein Schwall Wasser aus dem Schnürboden ergießt. Jetzt kann sie vom Regen durchnässt dem Mann im...
