Blaue Augen

Henrik Ibsen «Die Frau vom Meer»

Sobald ein Instrument auf der Bühne steht, kann der Schauspieler Tilo Nest einfach nicht widerstehen. Er stürmt also auch im Wiener Akademietheater zur kleinen elektronischen Heimorgel und schlägt die ersten Takte von Lana Del Reys schwermütigem Lovesong «Video Games» an, brüllt dann unvermittelt die Prostitutions-Ausstiegs-Ballade «Roxanne» von Police, um mit «Kiss» von Prince noch einmal sexy Tempo zu machen.

Nest spielt in Henrik Ibsens symbolschwerem Spätwerk «Die Frau vom Meer» (1888) einen alternden Lehrer, der sich gern noch einmal jung fühlen möchte.

Seine Perücke wird er im Laufe des Abends mehr als einmal verlieren, und obwohl er sich einst von Ellida, die inzwischen mit dem Gastgeber Doktor Wangel (Falk Rockstroh) verheiratet ist, bereits eine Abfuhr geholt hat, flirtet er nun mit Wangels Tochter aus erster Ehe, seiner einstigen Schülerin. Natürlich ist Nest eine lächerliche Figur, trotzdem darf er sich am Ende als Sieger fühlen. Die Frauen sitzen in Ibsens klaustrophobischem Kammerspiel nun einmal in der Provinz fest, sie brauchen einen Mann, der sie da rausholt. Aus eigener Kraft geht gar nichts. Insofern könnte man Ibsens Stück auch als eine Art feministischen ...

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Theater heute Oktober 2013
Rubrik: Chronik: Wien Akademietheater, Seite 60
von Karin Cerny

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