Revolutionskuscheln
Erst vor Kurzem beschäftigte das Stuttgarter Staatsschauspiel sich en passant mit Albert Camus’ «Die Gerechten» (1949). Im nahe gelegenen Tübingen folgte jetzt mit Jean-Paul Sartres «Die schmutzigen Hände» (1948) das nächste Stück rund um die Frage, ob der politische Mord zur Durchsetzung hehrer Ideale gerechtfertigt sei. In beiden Fällen greift ein mit linken Heilserwartungen gefütterter Idealist zur Waffe. Sartre wartet mit der Wendung auf, dass ein Novize der kommunistischen Partei einen Funktionär aus den eigenen Reihen beseitigen soll. Der junge Mann heißt Hugo.
Töten soll er einen gewissen Hoederer, der entgegen der Parteilinie mit konservativ-reaktionären Kräften kollaborieren will.
Als Sartre das schrieb, war das linksintellektuelle Lager Europas gespalten. Die Frage lautete: Pro oder contra Stalin? Der Diktator starb 1953, Jean-Paul Sartre trat postwendend in die kommunistische Partei Frankreichs ein, nach vier Jahren aber schon wieder aus. Damals durchlebte man ideologische Glaubensfragen noch ganz existentiell. Warum die Theater derzeit und gerade im Kernland des pietistischen Gehorsams so gerne auf Diskursstücke aus der scheinbar so fernen Zeit des französischen ...
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Theater heute August/September 2012
Rubrik: Chronik, Seite 59
von Jürgen Berger
Der schönste Satz auf diesem großen Festival für neue europäische Dramatik stammte dann aber doch von William Shakespeare, aus «Cymbeline», eingelassen in den belgischen Beitrag «Die Gehängten»: «Golden lads and girls all must, as chimney-sweepers, come to dust.» Ein Vers wie ein Meteor, heiß aufglühend, kalt im Abgang, weit durch die Zeiten geschossen. Vom Tod,...
Sie ist die Grande Dame der deutschen Bühnenverlage, er der Dandy der deutschen Theaterwissenschaft: Maria Sommer, 90, leitet bis heute den Gustav Kiepenheuer Bühnenvertrieb. Im Gespräch erzählt sie von ihrem Einsatz für die Urheberrechte und ihrer Freundschaft mit Günter Grass, Christa Wolf und George Tabori.
Andrzej Wirth, 85, übersetzte mit Marcel Reich-Ranicki...
Irgendwann im fortgeschrittenen Stadium von «Der Geizige» rollt Harpagon einen staubigen und schon ziemlich abgetretenen Perserteppich in Bert Neumanns Jahrmarktsguckkastenbühne aus. Stammgäste kapieren sofort, dass die aggressive Seitenlage, in die Martin Wuttke sich darauf wirft, nicht ohne Häme den Kollegen Wolfram Koch in der «(S)panischen Fliege» zitiert. Dort...
