Zuhören und Durchatmen
Im Rom des 3. Jahrhunderts soll es eine Cäcilia gegeben haben, die ein gottergebenes Leben führte, heilig gesprochen wurde, seither als Schutzpatronin der Kirchenmusik unterwegs ist und an einem Fronleichnamstag in den Jahren der europäischen Religionskriege besonders gefordert war. Drei Brüder aus den Niederlanden, so die Legende, sollen zusammen mit einem weiteren radikalisierten Calvinisten und dem Vorsatz in den Aachener Dom eingedrungen sein, die inneren Werte der weithin sichtbaren Trutzburg des Katholizismus zu zerstören.
Was die vier nicht wussten: Zu der Zeit befanden sich im Dom auch Nonnen aus einem angeblich vor der Stadt gelegenen Kloster der heiligen Cäcilie. Und die sangen so herzbewegend, dass die reformatorischen Bilderschänder angesichts eines «vom Altan wunderbar herabrauschenden Oratoriums» erstarrten und fortan nur noch mit einer gewissen «feierlichen Heiterkeit» durch Aachen wankten. Die Verwandlung männlicher Gewalttäter in heilige Idioten sei einem Wunder gleichgekommen. Schließlich sei die Kantorin des Klosters mit heftigem Fieber darnieder gelegen. Dass die Nonnen trotzdem berauschend singen konnten, könne nur damit zusammenhängen, dass die heilige ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Theater heute Mai 2021
Rubrik: Aufführungen, Seite 56
von Jürgen Berger
Eine minimale Bewegung öffnet einen maximalen Spielraum. Doch manchmal braucht es dafür eine Schule des Schauens. Auf die feine Geste gelenkt, weitet sich der Blick, macht die Schranken im Kopf durchlässig und entlarvt so das ständige Messen an Normen als unproduktives Scheingefecht. Was für eine Befreiung! Allein die subtil vermittelte Erkenntnis, dass subjektives...
Erste Versuche, etwa in Berlin mit getestetem Publikum die Theater wieder zu öffenen, sind vorerst versandet. Für Mai annoncierte Premieren und Uraufführungen werden, genau wie die großen Festivals, nach und nach zurück ins Digitale gepfiffen: Die dritte Welle rollt, der Peak ist noch nicht erreicht. Die größte Wallung aber, die das Theater derzeit erzeugt, findet...
«Wir Schwarzen müssen zusammenhalten› – eine Erwiderung» – das Titelzitat ist an sich schon eine Steilvorlage für einen postkolonialen Enthüllungszauber, wie ihn das vielköpfige Team um den Regisseur Jan-Christoph Gockel und den deutsch-togoischen Schauspieler Komi Togbonou an den Münchner Kammerspielen präsentiert. Als appropriative Erweiterung des allseits...
