Zürich: Männer im besten Alter

Sibylle Berg «Viel gut essen»

Drei Männer joggen im Karree. Nach olympischem Übereifer sieht das nicht aus, eher nach dieser Sorte pflichtschuldiger Nachlässigkeit, die zu sehr viel früheren Zeiten dem Kirchgang vorbehalten war. Aber bitte, man joggt.

Man, das ist in diesem Fall Mann, der Scheitel schon schütter, doch die Bauchmuskeln straff, geschuldet hundert Sit-ups täglich. Sagt Mann.

Nachprüfen kann’s keiner, das Trio im Zürcher Schauspielhaus hält sich bedeckt mit Feinstrick, wobei zumindest in einem Fall von Bauchansatz unterm Europe-Fanshirt Zweifel angebracht sind, ob der orthodoxen Fitnesslehre mit der nötigen Ausdauer gehuldigt wird. Aber wir sitzen hier ja in der Schweizer Erstaufführung von Sibylle Bergs frappierend entlarvendem Jedermannstück «Viel gut essen», und darin trügt der Schein nach Kräften. Männer im besten Alter suchen das beste Licht, mit dem sie dann ihre Mitwelt blenden, und erledigen ansonsten im brutalsten Wortsinn alles, was von ihnen verlangt wird.

So ein postemanzipiertes, soziopathisch veranlagtes Mittelschichtsmonster von heute bereitet also in «Viel gut essen» ein Familienmahl in der nicht abbezahlten Designerküche zu, brüllt derweil durchs Fenster das schwule Nachbarpaar ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute April 2016
Rubrik: Chronik, Seite 58
von Stephan Reuter

Weitere Beiträge
Apokalypse: Der Versaliendichter

20 Jahre nach seinem Tod ist es um den Dramatiker Heiner Müller nicht allzu gut bestellt. Seine Stücke stehen nur noch selten auf dem Spielplan, einige der wichtigsten – «Germania Tod in Berlin» oder die sogenannten Produktionsstücke – tauchen quasi überhaupt nicht auf, und mit Dimiter Gotscheff ist vor zweieinhalb Jahren zudem der letzte Großinterpret Müllers...

Das Märchen am Ende der Straße

Peter Handke war und ist eine Zumutung für das Theater. Zuerst, in den frühen «Sprechstücken», trieb der Autor es systematisch an seine formalen Grenzen. Seit «Über die Dörfer» (1981) schreibt er dramatische Gedichte, in denen es zwar vergleichsweise konventionelle Dialoge und Fi­guren gibt, die auf ihre Art aber ähnlich weit weg vom Drama sind wie Elfriede...

Dramatische Kulturtechniken

So ein zeitgenössischer Theaterautor hat es wirklich nicht leicht heutzutage. Da kommt man in eine Stadt, von der man nicht viel kennt außer Bahnhof, Theater und einem mittelschlechten Vertreter-Hotel auf halbem Weg dazwischen, soll ein möglichst zugkräftiges Stück mit intensivem Ortsbezug entwickeln und dabei auch noch schlauer als alle anderen sein. Nämlich...