Zürich: Godot im Gehen

René Pollesch «High (du weißt, wovon)»

Ein Rennbahnoval, umrandet von einer Bande mit Blinkerblümchen. An beiden Kopfenden Showportale, vor dem einen schweben Riesenballons mit Sternen und Streifen, das andere verblendet ein Riesenprospekt im Technicolorstil, darauf tanzen Zirkuslöwen mit Tangomädchen, manche zeigen auch nur die Pranken, oder sie reißen das Maul auf. Alles so quietschbunt hier. «A Great Group of Trained Wilds» steht auf dem Vorhang – und das ist gar nicht so weit weg von dem, was Autor-Regisseur René Pollesch in seinem siebten Stück für das Schauspielhaus Zürich vorführt.


Barbara Steiners Setting in der Schiffbauhalle ist heikel, aber großartig. Mittendrin sitzt das Publikum, Rücken an Rücken auf einer geteilten grellweißen Tribüne, verurteilt zum Nur-hierhin- oder Nur-dorthin-Schauen. Was man auf der jeweils uneinsehbaren Gegengeraden verpasst, fängt ein Kameramann ein, das Bild wird live auf zwei Screens geworfen. Und man verpasst entweder vier Performer (Hilke Altefrohne, Inga Busch, Marie Rosa Tietjen, Jirka Zett) oder einen 14-köpfigen Schauspielschülerinnenchor, die sich praktisch permanent auf dem Parcours verfolgen und sich die Sätze über die Zuschauerköpfe hinweg zuwerfen. Über weite Strecken ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute März 2017
Rubrik: Chronik, Seite 58
von Stephan Reuter

Weitere Beiträge
Die hohe Dame

Die am 6. Februar im Alter von 93 Jahren verstorbene Inge Keller hielten viele Theaterleute für eine «Schwierige»; zudem galt sie als «Staatskünstlerin» der DDR und als Aristokratin. Sie war aber nur eine Berlinerin aus gutem Hause, die 1950, nach Anfängerjahren noch während des Krieges im Theater am Kurfürstendamm, in Freiberg und Chemnitz, ab 1945 wieder in...

Biblische Ratlosigkeit

Manche Einsichten kommen leider (zu) spät. «Ich möchte mich entschuldigen», wendet sich eine zottelige Kreatur am Ende der «10 Gebote» ans Publikum des Deutschen Theaters Berlin und gesteht kleinlaut «Fehlleistungen, Hybris, Hochmut und Großmannsträumereien» ein. Dass es sich bei diesem flauschigen Kollegen mit dem leibhaftigen Schaf im Schlepptau um Gott...

Spionage

Was zeigt man, und was verbirgt man, was darf man sehen und was nicht? Fragen, die das Theater schon immer beschäftigt haben und die seit Kurzem durch die zweischneidigen Errungenschaften von Social Media und Big Data unweigerlich in unserem täglichen Leben angekommen sind, wo das Spektrum von Information und Neugier über Voyeurismus und Exhibitionismus...