Zürich: Chefsache Weihnachtsmärchen
Es war einmal ein Märchenonkel, dem wuchs das Märchenonkeln über den Kopf. Eben noch hatte er sich behaglich auf den Proszeniumsstufen niedergelassen, Rock und Knautschhose zurechtgezupft, die Kinderschar im Zürcher Pfauenparkett fixiert und sich den ledernen Folianten mit den Sammelerzeugnissen der Brüder Grimm auf den Schoß geladen. Mit einem Mal klappte er das Buch zu und sagt: «Einen Scheiß erzähle ich euch.»
Der Märchenonkel meinte das ernst. Etwas musste sein Vertrauen in das Volksbildungsprogramm der Brüder Grimm erschüttert haben.
Jedenfalls nölte er drauf los, dass er zwar wisse, wie Rumpelstilzchen heißt und was die Großmutter für lange Zähne hat, aber dass er den Piepfratzen im Publikum lieber was «über die Wahrheit von der Welt» erzählen wolle, bevor sie ihn ohnehin mit Papis Maserati plattfahren.
Schade, dass das Zuklappen der Buchdeckel so viel historischen Staub aufgewirbelt hatte. Man hätte sonst bestimmt gesehen, wie sich die blondgraue Märchenonkelmähne bei diesen Worten an den Spitzen wutbürgerrot verfärbte. Die Wahrheit, man ahnte das rasch, hatte mit dem Fünftaler-Lohn zu tun, über den sich der Erzähler beklagte. Es trat dann aber auch gleich ein Aufpasser ...
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Theater heute Januar 2020
Rubrik: Chronik, Seite 62
von Stephan Reuter
Was wünsche ich mir für das Theater in diesem neuen Jahrzehnt? Foyers, die lichtdurchflutet sind, wären gut. Mit geöffneten Fenstern und Schlingpflanzen, besonders im Sommer. Was noch? Dass es am Ende dieses Jahrzehnts selbstverständlich geworden sein wird, dass die Spieler*innen beim Applaus die Bühne mit den Mitarbeiter*innen von Ton, Licht, Video, Technik,...
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