Zürich: Chefsache Weihnachtsmärchen
Es war einmal ein Märchenonkel, dem wuchs das Märchenonkeln über den Kopf. Eben noch hatte er sich behaglich auf den Proszeniumsstufen niedergelassen, Rock und Knautschhose zurechtgezupft, die Kinderschar im Zürcher Pfauenparkett fixiert und sich den ledernen Folianten mit den Sammelerzeugnissen der Brüder Grimm auf den Schoß geladen. Mit einem Mal klappte er das Buch zu und sagt: «Einen Scheiß erzähle ich euch.»
Der Märchenonkel meinte das ernst. Etwas musste sein Vertrauen in das Volksbildungsprogramm der Brüder Grimm erschüttert haben.
Jedenfalls nölte er drauf los, dass er zwar wisse, wie Rumpelstilzchen heißt und was die Großmutter für lange Zähne hat, aber dass er den Piepfratzen im Publikum lieber was «über die Wahrheit von der Welt» erzählen wolle, bevor sie ihn ohnehin mit Papis Maserati plattfahren.
Schade, dass das Zuklappen der Buchdeckel so viel historischen Staub aufgewirbelt hatte. Man hätte sonst bestimmt gesehen, wie sich die blondgraue Märchenonkelmähne bei diesen Worten an den Spitzen wutbürgerrot verfärbte. Die Wahrheit, man ahnte das rasch, hatte mit dem Fünftaler-Lohn zu tun, über den sich der Erzähler beklagte. Es trat dann aber auch gleich ein Aufpasser ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Theater heute Januar 2020
Rubrik: Chronik, Seite 62
von Stephan Reuter
Es gab Zeiten, da konnte man den Eindruck gewinnen, Festivals kreieren, losgelöst von lokaler Verortung, ein sich vorwiegend aus Eigenblut speisendes System international zirkulierender Großproduktionen, deren gemeinsamer Nenner vor allem in ihrer möglichst voraussetzungslosen universalen Rezipierbarkeit liegt. Beim Münchner Spielart Festival, und nicht nur dort,...
«Alles kommt vom Bergwerk her», ein Satz, wie man ihn in Stücken des sozialistischen Realismus oder vielleicht bei naturalistischen Autoren des 19. Jahrhunderts vermuten würde. Hier aber bildet er den Kern des Gewinnerstücks des Kleist-Preises 2019, uraufgeführt am Staatstheater Cottbus. Entsprechend geht es in «Warten auf Sturm» auch nicht um schwarz-staubige...
Roxane kocht Gemüsesuppe, und alle Mord-und-Rache-Fantasien Racines landen im Kochtopf. Es ist ein Ereignis. Wie die Schauspielerin Jeanne Balibar sich ihre Kraut- und Sellerieköpfe zurichtet, wie sie die Tomaten blutig quetscht, dem Suppenfleisch eine Abreibung mit Kochsalz verpasst – das hat Klasse und sagt beiläufig was aus über ein Frauenbild. Dass Balibar...
