Zornige Blicke voraus
Ist das nicht Frau Klemm? Wilhelmine Klemm, vermutlich die fernsehprominenteste Münsteranerin zurzeit – das ist jene etwas angeschrägte Staatsanwältin, die im WDR-«Tatort» aus der Universitäts- und Domstadt seit mittlerweile zwei Jahrzehnten Kripo-Fahnder Thiel und Gerichtsmediziner Börne mehr oder weniger wohlwollend begleitet und nebenbei gelegentlich auch die eigene Zigaretten-Sucht bekämpft.
Klemm-Darstellerin Mechthild Großmann stammt tatsächlich aus Münster, wird im Dezember 75 und hat sich die Liebe zur Bühne bewahrt; immer wieder nimmt sie sich Auszeiten für’s Theater – vor Jahren als Mutter-Monster in «Eine Familie» von Tracy Letts oder Dürrenmatts «Alte Dame» Claire Zachanassian zu Besuch am Schauspielhaus Bochum; auch Münsters Ex-Intendant Thomas Bockelmann holte sie vor über zwanzig Jahren mal in das Theater, wo sie quasi nebenan aufgewachsen war – die Rückkehr von Mechthild Großmann ist eines der sehr speziellen Ereignisse zu Beginn der neuen Zeiten an den Bühnen von Großmanns Heimatstadt Münster.
Der Weg der Schauspielerin ist eine Art Blaupause westdeutscher Theater-Moderne – als junge Frau war sie Ende der 1960er Jahre zu Kurt Hübner nach Bremen gekommen, dann ...
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Theater heute 4 2023
Rubrik: Start Münster, Seite 48
von Michael Laages
Auf den ersten Blick ist das Post-Brexit-London noch immer die pulsierende Weltmetropole, die es stets war. Ein Wunder an funktionstüchtigem, im Minutentakt anfahrenden öffentlichem Nahverkehr; die Verkehrswende, von der verstopfte deutsche Städte nur träumen können, längst geschafft. Die versmogte Stadt, in der sich nichts mehr bewegt, ist längst Vergangenheit....
Am Anfang war die Sehnsucht. Carla Wierer, Freiburgerin, Abitur frisch in der Tasche, packt die Koffer und reist nach Peru. Fernweh hieß das früher, ein beinahe ausgestorbenes Lebensgefühl aus Zeiten, als es noch utopisch war, dass 19-Jährige mal eben ein Praktikum an der Südpazifikküste einfädeln könnten.
Carla Wierer konnte es. Das war 2009. Sie dockt beim...
Auf der Bühne stehen schwarze Stühle, auf die sich beim Einlass nach und nach Personen in schicker blaugrüner Abendkleidung setzen, elegant ihre Beine übereinanderschlagen, den Blick ins Publikum gerichtet. Doch über ihren Köpfen tragen sie weiße Stoffmasken, über ihren Körpern weiße Anzüge wie eine zweite Haut: Es ist eine anonyme, gespenstische Versammlung, die...
