Zeitlos morbide
Was wäre eigentlich gegen sparsame Zeitgenossen einzuwenden, die ihr Geld zusammenhalten und verhindern, dass die Kinder es sinnlos verschleudern? Wäre der barocke Raffzahn Harpagon doch einfach nur das. Der auf den eigenen Vorteil bedachte Geldjunkie möchte jedoch den Sugardaddy spielen, um an eine wesentlich jüngere Frau ranzukommen. Mariane allerdings, so heißt das mittellose Babe, liebt Harpagons Sohn Cléante, und man ist versucht zu sagen: So soll es ja auch sein! Wäre da nicht der Eindruck, dass im Haus des endemischen Geizes der Apfel nicht weit vom Stamm fällt.
Molière deutet an, dass die Kombination von Gier und Geiz derart toxisch ist, dass alle Menschen in Harpagons Haushalt mehr oder weniger infiziert von ihr sind. Und es sieht so aus, als habe die aktuelle Frankfurter Inszenierung von «Der Geizige» sich genau das zu eigen gemacht. Mit Molières Klassiker eröffnete das Schauspiel die Saison; einen Tag später gab es in den Kammerspielen die Uraufführung von «Mascha K. (Tourist Status)», mit dem Anja Hilling einen anderen erzählerischen Weg einschlägt als zuletzt in ihren Theatertexten. Hilling nähert sich der jüdischen Lyrikerin Mascha Kaléko, die melancholisch-sanfte ...
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Theater heute November 2023
Rubrik: Chronik, Seite 56
von Jürgen Berger
Kindsmörderin! Babykillerin! Professorin macht Abtreibungstourismus auf Staatskosten!» Es läuft nicht gut für Professorin Faust. Die renommierte Komparatistin und Genderforscherin, kühl zurückhaltend gespielt von Bettina Engelhardt, ist ins Social-Media-Kreuzfeuer rechter Kräfte geraten. Diese sitzen aber in der «Faust»-Überschreibung von Fatma Aydemir leider nicht...
Mit bisher mehr als 200 Inszenierungen steht das melodramatische Kammerspiel «Die bitteren Tränen der Petra von Kant» im Ranking der meistgespielten Fassbinderstücke ganz oben. Wenn heutzutage ein RWF-Drama auf den Spielplan findet, dann meist dieses; den Zusammenhang von Liebe und Kapital kriegt man eben selten so kompakt und anschaulich auf den Punkt gebracht wie...
Der Krieg findet ganz in der Nähe statt», erklärt Gintaras Grajauskas, der Künstlerische Direktor des Dramatheaters in der Hafenstadt Klaipeda. «Die baltischen Länder, die von der Sowjetunion besetzt waren, sind sich des aggressiven russischen Imperialismus sehr wohl bewusst und wissen, dass der Krieg jederzeit auf ganz Europa übergreifen kann.» Dieser fragilen...
