Wut war mal

Falk Richter / Anouk van Dijk: «Trust» an der Berliner Schaubühne.

«Bell doch mal!», sagt der Typ im Anzug auffordernd. «Bell mal, so richtig laut, wütend, aggressiv!» Wie Coachs so reden. Der Response der Klienten ist allerdings unbefriedigend: ein klägliches «Miau!», ein leises Röcheln, müdes Wauen. Wut war mal.

Knapp zwei Wochen nach einer Bundestagswahl, bei der 15 Prozent des Wahlvolks einen denkbaren Zorn auf deregulierende Finanzkrisenverursacher in die höchste Bestätigung (neo-)liberalen Denkens der Nachkriegszeit umgemünzt hatte, traf «Trust» wie die Faust aufs Auge des weltumspannenden Vertrauensverlusts, der hierzulande einfach keine Folgen zeitigen will. Und mitten ins Herz der Vertrauenskrisen im heimischen Wohnzimmer. Denn das Schlingern des englischen Titelbegriffs zwischen eiskaltem «Großkonzern» und herzerwärmendem «Vertrauen» übersetzen Autor/Regisseur Falk Richter und Choreografin Anouk van Dijk in ihrer zweiten Zusammenarbeit, neun Jahre nach «Nothing hurts», in Sprache und Körper, in denen sich das kollektive Wutversagen im privaten Verstummen spiegelt. Der betrogene Kay bringt folglich auch nicht mehr als eine schlaffe «Miau»-Haltung zustande, wenn ihm Gattin Judith bestgelaunt mitteilt, dass sie ge­rade mit dem x-ten ...

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Theater heute Dezember 2009
Rubrik: Schaubühne «Trust», Seite 46
von Barbara Burckhardt

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