Wir spielen ja nur

Berliner Ensemble: Shakespeare «Hamlet»

Noch einen Tag vor der Premiere machte das Gerücht die Runde, man habe sich bei Leander Hauß­manns «Hamlet» auf viereinhalb Stunden Dauer einzustellen. Dreieinhalb waren es dann am Premierenabend tatsächlich. Welcher 60-Minuten-Block ließ sich wohl so folgenlos kurzfristig entfernen?

Gut möglich, dass es «Die Mausefalle» war, das Stück im Stück, das Hamlet inszeniert, um Stiefvater Claudius des Mordes am Königsbruder und Hamletvater zu überführen.

Den Teil brauchte Haußmann nicht unbedingt (und hatte ihn sicher überpurzelnd ausgesponnen), denn Theatertheater auf dem Theater war dieser ganze Abend sowieso, der sich um Rezep­tions­gewohnheiten – Hamlet, der größ­te Zauderer der Weltgeschichte – nicht scheren moch­te. Haußmanns Hamlet bzw. der von Christopher Nell hält nichts vom Zaudern, da passiert ja nichts. Aus dem Lesestück, das Goethe einst im «Ham­let» sah, das man «weder durch schickliche noch unschickliche Darstellung» zurichten solle, machen Haußmann und sein Hänfling-kleiner und schmaler Hauptdarsteller Christopher Nell ungehemmt das Gegenteil: die ADHS-Version eines jungen Mannes, den das blöde Los, den Vaterrächer spielen zu müssen und dafür die schöne Lovestory mit ...

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Theater heute Januar 2014
Rubrik: Chronik, Seite 46
von Barbara Burckhardt

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