Werthers Lücke

«Alle Toten fliegen hoch» – ein Ausschnitt aus dem sechsten Teil der autobiografischen Lese-Performance

Ich habe nie zu den Schauspielern gehört, die auf der Bühne weinen können. Schon auf der Schauspielschule hat uns diese Fähigkeit knallhart in zwei Klassen eingeteilt: in die schauspielerische Oberschicht, den Adel, wenn nicht sogar den hochtalentierten, heulenden Hochadel, die, denen echte Tränen übers Gesicht rinnen, und in die anderen: das Fußvolk, das theatralische Proletariat, die untalentierte Unterschicht: die sich die Hände vors Gesicht schlagen und vom Publikum abgewandt mit staubtrockenen Augen Schluchzen spielen.

 

 

In fast jedem Stück gibt es diesen alles entscheidenden Authentizitätsmoment, diesen Wahrhaftigkeitsnachweis: Mensch oder Hochstapler. Es gab Tricks, Techniken, die einem die Tränen in die Augen treiben sollten: japanisches Heilpflanzenöl auf Daumen und Zeigefinger, bei einer als Nachdenken kaschierten Geste in die Augenwinkel einmassiert, oder Zauberworte wie «Mönchengladbach» oder «Schanghai», die den Rachen weiteten und somit zu einem Augen befeuchtenden Gähnen führten. Mit «Schanghai» hatte ich einigen Erfolg. Mehrere Rollen habe ich durch «Schanghai»-Flüstern und -Denken als empfindsame, zerstörte Figuren ins Ziel retten können. Das Knacken in den ...

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Theater heute Jahrbuch 2009
Rubrik: Die Spieler des Jahres, Seite 84
von Joachim Meyerhoff

Vergriffen
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