Wer oder was ist hier souverän?

Assoziationen zu einem vieldeutigen Wort

Es war bei einer diesen morgendlichen Diskussionen, vor der eigentlichen Probe, als wir ganz nah beieinander an einem Tisch saßen. Ein Schauspieler beschrieb, wie ein anderer Schauspieler gespielt hat, und benutzte das Wort «souverän». Dann sagte jemand anderes :«Ja, souverän! So souverän.» Ich wusste nicht, was souverän bedeutet. Es klang fremd. Wahrscheinlich, weil es aus dem Französischen stammt – obwohl ich das nicht wusste.

Ich stellte mir einen weißen, leicht athletischen Mann mit langem Haar vor, der sorglos über die Bühne läuft, während er sehr schnell fließend Deutsch spricht. Die Abonnent*­innen (auch französischer Stamm) würden ihn lieben. Souverän hatte wahrscheinlich etwas mit virtuos zu tun. Und bourgeois. Es brauchte bestimmt Hochschulen dafür. Ich habe Musik an einem Conservatoire studiert.

Wenn ich sprachlich klüger wäre, hätte ich souverän mit sovereign (Englisch) verknüpft. Aber vielleicht wäre ich dann noch verwirrter gewesen. Auf Englisch heißt sovereign die Königin, dachte ich. Die Königin von England … und Australien und Jamaika und Kanada und … Dann hätte ich über kolonialistische Gewalt nachgedacht. Und über Theaterflyer, auf denen die Abkürzung von ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute Jahrbuch 2020
Rubrik: Antworten auf die Zukunft, Seite 68
von Damian Rebgetz

Weitere Beiträge
Im Weltzustand

Die Frage trifft uns an einer empfindlichen Stelle. Carl Schmitts stark strapazierte Definition der Souveränität spielt im neuen Stück von Rainald Goetz über die Zerstörung demokratischer Strukturen, an dessen Uraufführung wir probieren, eine eher fragwürdige Rolle. Die Formel scheint mir auch in dieser Ummünzung auf die Zukunft hin nicht zutreffend, trotz ihrer...

Meet the opposite

Gob Squad haben sich immer schon mit dem realen Raum außerhalb des Theaters beschäftigt, die Theatralik im Alltäglichen gesucht. Und die Umstände und Bedingungen, unter denen etwas entsteht, zum Thema gemacht und mit auf die Bühne gebracht. Wir haben in den meisten unse­rer Projekte gezielt die Einmaligkeit des Augenblicks markiert. Nun in der Krise haben sich...

Der große Hack

Vor fast genau vier Jahren veröffentlichte «ZEIT Online» ein erstaunlich wenig öffentlich wahrgenommenes Interview. In dem Gespräch stellte Antonio Garcia Martinez, vormals Product Manager bei Facebook, ein Buch über seine Erfahrungen in der Konzernzentrale vor. Seine Schilderungen sind bis heute lesenswert. Nicht nur, weil Mark Zuckerberg, mehr als wohl jeder...