Weiß-blaue Voodoo-Zeremonie

Jan Christoph Gockel geht mit Unterstützung des GoetheInstituts und einem interkulturellen Team der Münchner Kammerspiele auf die Jagd nach den (Un-)Geistern der bayerisch-togoischen Vergangenheit: «Wir Schwarzen müssen zusammenhalten»

«Wir Schwarzen müssen zusammenhalten› – eine Erwiderung» – das Titelzitat ist an sich schon eine Steilvorlage für einen postkolonialen Enthüllungszauber, wie ihn das vielköpfige Team um den Regisseur Jan-Christoph Gockel und den deutsch-togoischen Schauspieler Komi Togbonou an den Münchner Kammerspielen präsentiert. Als appropriative Erweiterung des allseits beliebten «Mir san mir» geistert der Spruch gelegentlich noch durch Fußballstadien oder ostentativ renitente Altherrenrunden.

Dabei liegt der historische Ursprung tief in der deutsch-afrikanischen Kolonialvergangenheit und einem bis heute gerne beschönigenden Blick darauf.

Franz Josef Strauß prostete ihn Anfang der 1980er Jahre bei einem seiner zahlreichen Staatsbesuche in Togo seinem Duzfreund, dem autokratischen Machthaber Gnassingbé Eyadema, zu. Gemeint war damit die gut geschmierte Vetternwirtschaft, die auch nach dem Ende der Kolonialherrschaft munter weiterflorierte. Die besonders effektive Ausplünderung der «Musterkolonie» Togo durch das deutsche Kaiserreich zwischen 1884 und 1914 feierte man ungerührt als den Beginn einer «100-jährigen deutsch-togolesischen Freundschaft», und ein geschickter Geschäftemacher wie der ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute Mai 2021
Rubrik: Aufführungen, Seite 50
von Silvia Stammen

Weitere Beiträge
Im Schwarzen Land

Anna Gmeyner wurde am 16. März 1902 in ein großbürgerlich-liberales Elternhaus in Wien geboren. Der Vater war Anwalt, die drei Töchter – Anna war die Älteste – wuchsen in einer geistig anregenden Atmosphäre auf. Die Beziehung zu ihrem Vater, sollte die Autorin später feststellen, ist die fundamentalste in ihrem Leben. In einem offenbar autobiografischen Text, der...

Der Eisberg schmilzt

Corona hat allen britischen Kulturinstitutionen, deren Einnahmen von Besuchern abhängen, schwer zugesetzt: Nicht nur die Theaterlandschaft liegt seit einem Jahr brach, auch Museen hatten seit letztem März ihre Türen fast durchgehend geschlossen. So dass laut einer Pressemeldung des Victoria & Albert-Museums auch dieses Schwergewicht unter den Londoner Museen «ein...

Psychisches Jo-jo

507 lautet die entscheidende Zahl. 507 Arbeitsstunden müssen die Freelance-Angestellten in Frankreichs Theater- und Filmbranche, die sogenannten «intermittent.e.s», aufweisen, um ihren Status beizubehalten und Anspruch auf staatliche Unterstützung zu haben. Das System der «intermittence» ist eine kulturpolitische Ausnahme in Frankreich. Die Künstler*innen sind...