Wehe, wenn sie losgelassen

Eine Reise durch die bürgerliche Provinz: «Woyzeck» in Weimar, «Kirschgarten» in Dresden, ein Göttinger «Rummelplatz» und Hauptmanns «Biberpelz» am Schweriner See

Woyzeck in Weimar, ausgerechnet. Zwar nicht im repräsentativen Nationaltheater unmittelbar im Rücken der großen Bron­ze-Klassiker Goethe und Schiller, sondern fünf Minuten entfernt im E-Werk: einer dieser zahllosen malerischen Ziegelbauten aus der industriellen Moderne, die mittlerweile als Ro­man­tikhotels für die (darstellenden) Künste eine neue Bestimmung gefunden haben.

Wer passt besser dorthin als ein anderer historischer Fall aus einem arbeitsreichen Leben, Büchners armer Soldat, der seine Geliebte mordet, weil ihm die Bürgerwelt keinen anderen Weg aus der Verzweiflung lässt?

So jedenfalls geht die kanonische Deutung der sozialgeschichtlichen Interpretation: Der Täter Woyzeck ist das Opfer seiner Verhältnisse, der Mörder ein Getriebener seiner Unterdrücker. Die Preisfrage an jede Inszenierung: Wie zwingend kann sie in einem Eifersuchtsmord ein soziales Drama zeigen? Wie (un)frei ist dieser Woyzeck wirklich?


Zirkus Woyzeck

Steffi Wurster hat in die weite Halle ein paar weiße Pressspan-Buden, -Verschläge und -Podeste gebaut: eine etwas sterile Jahrmarktslandschaft, die bruchlos in rechteckige Wohnsilo-Architektur überblendet. Darin wird man als Publikum zu Beginn zehn Minuten ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute August / September 2010
Rubrik: Aufführungen/Neue Stücke, Seite 50
von Franz Wille

Vergriffen