Was dräut denn da?

Gegensätzlicher kann man Tschechow kaum inszenieren: Sebastian Hartmann und Michael Thalheimer suchen den «Kirschgarten» in Leipzig und Stuttgart

Theater heute - Logo

Anton Tschechow hätte sich vermutlich 1903 nicht träumen lassen, dass seine Szenen aus dem Landleben verarmender russischer Gutsbesitzer einmal den Lieblings-Bühnenspiegel einer bundesdeutschen Mittelstandsgesellschaft abgeben werden, deren Mitte so langsam der Stand wegbröckelt. Bei allen unübersehbaren Unterschieden gibt es gerade im «Kirschgarten» drei starke Brücken, die hundert Jahre mühelos überwinden: Geldverlust, Sinnverlust und Realitätsverlust.

Stellt sich nur die Frage: Was bleibt dann eigentlich am Ende noch?
 

In Leipzig versteht Regisseur Sebastian Hartmann die legendäre Obstplantage als mittlere Vor­ortlage. Ein leicht angeberischer, mehrtraktiger Fertigbungalow mit Kunstrasen (Bühne Susanne Münzner) ist städteplanerisch schlicht, nämlich rampenparallel platziert. Die angeblichen Kirschbäume werden im Zuschauerraum vermutet; jedenfalls wird das Publikum von der Bühne he­r­unter entsprechend harthölzern adressiert. Mit dem Immobilienerwerb muss sich die Gutsgesellschaft etwas übernommen haben: Man fährt trotz Doppelgarage im stinkenden alten Lada vor und trägt billigen Kaufhaus-Chic. Weil der sächsische Vorstädter gerne Gartenparty hält, treffen sich alle am langen ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute März 2010
Rubrik: Aufführungen, Seite 14
von Franz Wille

Vergriffen
Weitere Beiträge
Intelligenz? Kompetenz? Fantasie?

Wuppertal hat ’ne ganz eigenartige Melancholie. Ich bin früher da zur Schule gegangen, hab lange Jahre dort gelebt, glaube, das ist die Stadt mit den meisten Treppen der Welt. Ich liebe die Stadt dafür und für ihre eigenartige Tristesse. Aber wenn man da das Theater wegnimmt, werden selbst diejenigen, die überhaupt nicht ins Theater gehen, es früher oder später...

Betriebsfeier ohne Betrieb

Es gab einmal Firmen, die mieteten sich für einen Abend ein ganzes Stadttheater, um ihren Mitarbeitern in gediegenem Ambiente mit kulturellen und kulinarischen Häppchen herzlich Dankeschön für Treue und Engagement zu sagen. Auf der Bühne sah man dann unterhaltsame Darbietungen und irgendwann den Chef, der wie ein leutseliger Kammerschauspieler in einem endlosen...

Lässig «Ficken» sagen

Der Regisseur Volker Lösch ist kein Mann der leisen Töne. Das kann man an der Spur von Skandalen ablesen (Hamburger Millionärsadressen, Dresdner Sabine-Christiansen-Verdammung), die seinen Weg durch den deutschen Theaterbetrieb weist. Und man kann es an der Wortwahl des Regisseurs erkennen, der bei den Proben zu einer «Medea»-Inszenierung in Stuttgart, bei der...