Von allen Furien verlassen

Familienzwist am Deutschen Theater: Stefan Pucher dekliniert die Role Models in Sophokles’ «Elektra» durch, Ulrich Matthes und Dagmar Manzel beleben Lot Vekemans’ «Gift»

Zurzeit schärfen die Atriden ihre Mordwaffen gern in gutnachbarlichen Wohnzimmern. Stefan Pucher hingegen kümmert sich in seiner Antiken-Variante «Elektra» am Deutschen Theater Berlin wenig um die Banalität der Familie an sich. Sein Interesse gilt eher den Niederungen der Familien-Soap: Wie viel «Denver-Clan» steckt in der Atriden-Dynastie? Welche pop- bzw.

unterhaltungskulturellen Codes, Aufmüpfigkeits- und Rache­posen lassen sich auf der Folie der guten alten Schläch­ter-Sippe lesen? Und, last but not least: Wie versetzt man so einen Pop-Orest am wirkungsvollsten in die Lage, auf der Bühne tatsächlich den optimalen Coolness-Grad zu verströmen?

Ganz einfach: Indem er in ausdrücklicher Verweigerung (küchen-)psychologischer Kurzschlüsse und anderweitiger Innerlichkeitsergüsse abendfüllend Inszenierungsstrategien und popkulturelle Role Models zelebriert. Die Chortexte hat Pucher an eine temporäre Rock-Pop-Formation aus Susanne Wolff, Tabea Bettin und Anita Vulesica delegiert – wobei letztere über weite Strecken als Solistin reüssiert. Und Barbara Ehnes’ Szenario kommt als leicht abgerocktes Showbühnen-Plateau inklusive Band-Platz für die Musiker Michael Mühlhaus und Masha Qrella ...

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Theater heute Januar 2014
Rubrik: Starts/Aufführungen, Seite 24
von Christine Wahl

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