Vom Sehnsuchtsraum hinterm Nadelöhr

Ob sonderbare junge Männer, große Tragödinnen oder aggressive Kinder: Sylvana Krappatsch kann sie glaubhaft und sehr eigen spielen. Nach Stationen in Zürich und München ist sie jetzt Protagonistin am Schauspiel Stuttgart

Theater heute - Logo

Breitbeinig steht er da, der schmalbrüstige Jüngling Woyzeck, dünn und blass und rätselhaft. Winzige Gebärden, etwa ein leicht zur Seite geneigter Kopf, zeugen von seinem Weltverlust. Steifhalsig lehnt er sich schräg nach hinten, wenn jemand zu ihm spricht. Sylvana Krappatsch kann beides glaubwürdig spielen: gestandene Frauen und junge Männer, ja sogar Kinder. In «Schäfchen im Trockenen» schlüpft sie aus der genervten Mutterrolle mal schnell hinein in das eigene wollbemützte Aggro-Kind, das seine ebenso bewollmützten Geschwister mit dem Plastikdegen verdrischt.

Als Grillparzer-Medea qualmt sie eine Zigarette, während sie das Wesentliche still vor sich hin denkt. Man sieht, wie Mörderisches ihre Gedanken verdüstert. Da braucht es ihn gar nicht: den großen Monolog, der ihr zum größten Teil weggekürzt wurde. Es ist ihr feinzeichnendes, manchmal bis ins Tänzerische gehende körperliches Spiel, das Aufmerksamkeit einfordert, eine Sogwirkung erzeugt, für Wahrhaftigkeit sorgt. Wenn sie als Medea in Verzweiflung erstarrt, ja, körperlich gefriert angesichts von Jasons Untreue, Abweisung und Verrat, spielt sie das mit größter Intensität: diese völlige Überraschung über sein Verhalten, diese ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute Februar 2021
Rubrik: Akteure, Seite 12
von Verena Großkreutz

Weitere Beiträge
«Ich muss unbedingt mit Ihnen arbeiten»

Klaus Dermutz Frau Lampe, Sie wurden in Flensburg geboren. Was machten Ihre Eltern?
Jutta Lampe Meine Mutter war auch in Flensburg geboren worden. Mein Vater war bei der Marine. Wir zogen 1939/40 nach Kiel, weil er dorthin musste. Mein Vater ging in den Krieg. Er war wenig, wenig zu Hause. Ich war das erste Kind, nach eineinviertel Jahren kam schon mein Bruder. Und...

6549 Biere

Wenn einer in die Eckkneipe wankt und lauthals «Ich bin nicht Hamlet!» nölt, dann wird es sich der Wirt zweimal überlegen, ob er ihm noch einen Schnaps gibt oder nicht. In der «Wartburg» in Jena aber schiebt Rolfe hinter der Theke gleich das Bier hin, und die Stammgäste warten nur darauf, dass der Monolog nun anhebt. Ob der von Heiner Müller ist oder sonstwem,...

Über Gorillas, Schuppentiere und das Theater

Sehr verehrte Damen und Herren, wenn ich hier stehen werde, das hatte ich mir vor Monaten geschworen, dann würde ich eine Rede halten, in der das Wort Corona überhaupt nicht vorkäme. Ich wollte gerne daran glauben, dass inzwischen die Gefahren und Schrecken dieses Jahres überwunden sein würden. Aber dem ist nicht so.

Wir wissen nicht, wir können nicht wissen, was...