Verstören, beschimpfen, umarmen
Trendbewusste Theatermacher pflegen zurzeit ja eher ein angespanntes Verhältnis zu ihrem Publikum. Abende, an denen Kulturaktivisten (wie neulich das Zentrum für politische Schönheit in Dortmund) exklusiv das Auditorium herunterputzen, weil es sich lieber in Yogastudios herumtreibe statt in Damaskus gleichermaßen aktiv gegen den IS und den syrischen Diktator Assad zu kämpfen, sind augenscheinlich im Kommen.
Am Staatsschauspiel Dresden segelt der Dramatiker Martin Heckmanns dieser Publikumsbeschimpfungs-Retro-Welle mit einer denkbar stromlinienunförmigen Parkett-Umarmungsoffensive entgegen. Statt als «abwärts schauenden Hund» auf der Yogamatte stellt sich Heckmanns den gemeinen Zuschauer als intellektuelle wie emotionale Rezeptionshöchstbegabung vor, an der das Theater lauter löbliche Dinge bewirkt und der den Publikumsbeschimpfungsreanimateuren mit schlichter Hermeneutik den Wind aus den Segeln nimmt. «Ich verstehe ja, dass dieses Theater uns verstören will, das ist seine Aufgabe», analysiert zu vorgerückter Stunde eine Dame im feschen Schwarzen ohne jede Pulsbeschleunigung. «Und dass ich schlussendlich auch noch dafür beschimpft werde ..., weil ich hier zuschaue und tatenlos ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Theater heute November 2015
Rubrik: Aufführungen, Seite 22
von Christine Wahl
Der Countdown läuft. Rund um den Münchner Theateräquator Maximilianstraße werden in diesem Herbst die Claims neu abgesteckt. Mit wechselseitigem Gastinszenieren wie in den letzten Jahren durch die beiden Intendanten Johan Simons und Martin Kušej ist nun nicht mehr zu rechnen. Stattdessen testet Matthias Lilienthal mit seinen mehr neckisch als provokant in...
Die Festung Europa bröckelt, aber sie hält stand. In Ungarn stehen Stacheldrahtzäune, Kroatien macht die Grenzen dicht, der Zugverkehr zwischen Wien und München ist immer wieder unterbrochen, und die deutschen Asylgesetze wurden ruckzuck verschärft. Elfriede Jelinek, die mit «Die Schutzbefohlenen» das europäische Drama beschrieben hat, bringt ihren Text mit einem...
«Die Nikon D 300 S», wendet sich Nathan (Robin Sondermann) ans Publikum, «liegt mit Akku und Speicherkarte bei 870 Gramm.» In Sondermanns Stimme liegt ein leichtes Zittern, liebevoll, begehrend, hastig: «Der Handgriff der Nikon D 300 S ist extrem ergonomisch ausgeformt.» Aus zwei Gründen ist es eine kluge Entscheidung, diese halbmasturbatorische Liebeserklärung an...
