Verblendungsspaß
Der Fürst schnauft und ächzt, er schwankt auf dürren Beinchen in rot-gemusterten Leggins und kann sich kaum auf den Beinen halten. Sitzt er endlich im Sessel, so nickt er ein – oder begrabscht die Frauenbeine rechts und links, als gäbe es kein Morgen. Und weil seine Tage tatsächlich gezählt scheinen und weil er so wohlhabend ist wie ledig, muss dieses Onkelchen ganz dringend verheiratet werden, bevor es unter die Erde kommt.
Die geldgierige Marja Alexandrovna Moskalyova jedenfalls, mit streng an den Kopf gegeltem Kurzhaar und goldener Bluse, wittert eine hervorragende Partie für ihre schöne, doch leider nicht mehr ganz junge und zudem skandalgefährdete Tochter Zina. Und weil auch andere Dorfschönheiten und ihre Verwandten ihre Chance wittern, muss es schnell gehen mit der Eheanbahnung.
Barbara Bürk hat sich im Schauspiel Frankfurt Dostojewskis satirische Erzählung «Onkelchens Traum» vorgeknöpft, die dieser 1858 in der sibirischen Verbannung schrieb. Sie ist denkbar simpel gestrickt. Bürk spart sich die Vorgeschichte des «Onkelchens», mit der Dostojewski aufwartet, und konzentriert sich auf den Intrigenstadel. Die Erzählung wird telenovelahaft und mit viel Freude am großen ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Theater heute März 2023
Rubrik: Chronik, Seite 55
von Esther Boldt
Ziemlich sportlich, wie das Maxim Gorki Theater Kafkas «Amerika»-Roman liest: eine Textraserei, in der sich das achtköpfige Ensemble nicht nur den 16-jährigen Protagonisten Karl Roßmann reihum zuwirft, auf kreiselnder Drehbühne im Dauerlauf durch den Szenenparcours hechtet, von verzerrt-verfremdeter Sprechhaltung zu verbogenen Körpern switcht, getrieben von...
Diese Frau, Lydia Tár, ist zu gut, zu schön und zu erfolgreich, um ganz wahr sein zu können. Sie hat als Komponistin und Dirigentin Ehre und Ruhm, ist die erste Dirigentin des berühmten Berliner Orchesters und hat nebenbei, als Schülerin Leonard Bernsteins souverän zwischen E und U unterwegs, noch den Grand Slam der Unterhaltung gewonnen, Emmy und Grammy, Oscar und...
Theater heute Wir wollen über «Sistas!» sprechen, Golda Bartons Überschreibung von Tschechows «Drei Schwestern». Wie sind Sie auf die Idee gekommen, das «Rassismus-Ding», wie es an einer Stelle heißt, ausgerechnet auf der Folie von «Drei Schwestern» zu verhandeln? Mit den Schwestern als Persons of Colour, einem ebenfalls Schwarzen Vater – statt Bruder – und einer...
