Utopie und Desinteresse

Das Grazer Festival Steirischer Herbst war in jeder Hinsicht der Gleich-Gültigkeit auf der Spur

Irgendwann wird die Wissenschaftlerin, die gerade von ihrer Arbeit in einem Moskauer Krebsforschungsinstitut kommt, von einem hysterischen Lachkrampf geschüttelt. Sie lege jetzt ein peinliches Geständnis ab, diktiert sie der belgischen Multimedia-Performancegruppe Berlin ins Mikrofon: Die Mittfünfzigerin geht jeden Abend nach Dienstschluss stundenlang putzen. Eine kleine Wohnung in einem Moskauer Außenbezirk kostet umgerechnet etwa 600 Dollar. Der durchschnittliche Monats­verdienst in der russischen Hauptstadt liegt noch nicht mal bei der Hälfte.



Diverse Überlebenskämpfer aus dieser seltsamen Metropole rücken einem in Berlins Video-Stadtporträt «Moskau» buchstäblich auf den Leib: irritierte Schweizer Korrespondenten, Oppositionelle, die in regelmäßiger Vergeblichkeit gegen den Bürgermeister prozessieren oder Studentinnen, die gelassen ihrem nächsten Prüfungsmisserfolg entgegensehen, weil man sowieso so lange leistungsunabhängig durchfällt, bis man dem Professor ein angemessenes Bestechungsgeld zahlen kann. Sechs bewegliche Bildschirme – als Panorama arrangiert – kesseln das Publikum regelrecht ein. Beim didaktischen Höhepunkt – einer Anti-Putin-Demo mit prügelnden Polizisten – ...

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Theater heute Dezember 2009
Rubrik: Magazin, Seite 62
von Christine Wahl

Vergriffen
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