Übungen in Missbrauch

Der neue Jahrgang Mülheimer Stücke zeigt alte Meister, junge Talente, ungemütliche Themen und viele Frauen

Die Präsentation der sieben oder acht interessantesten deutschsprachigen Theatertexte für das Stücke-Festival in Mülheim hat sich in den letzten Jahren zu einem gewissen Ritual entwickelt, bei dem zwei Ansagen sich rhythmisch wiederholten: Zu jedem Preisrennen um den Mülheimer Dramatikerlorbeer konnte die große strukturelle Vielfalt der Stile und Haltungen in der deutschsprachigen Stückelandschaft beschworen werden, aus der sich aber dennoch stets ein saisonales Primärthema erhob: mal war es Gewalt, mal Familie, mal eine neue Hinwendung zum politischen Gesellschaftsstück, dieses Jahr i

st es «Missbrauch». Doch nur die erstere dieser Traditionen folgt einer Absicht. Spielt das Spektrum unterschiedlicher Textformen in der Endauswahl durchaus eine gewisse Rolle, so gilt dies für das Aufkommen eines inhaltichen Trends definitiv nicht. Den setzen die Autoren.

Gerade am Thema Missbrauch lässt sich leicht erkennen, warum diese Themenbildung auf einem Festival, das nicht nach einem Thema sucht, weder ein Mysterium noch Resultat einer stillen Absprache der Vorjury ist. Dass Anfang 2010 damit begonnen wurde, den systematischen Missbrauch in Einrichtungen der katholischen Kirche auch in ...

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Theater heute Mai 2013
Rubrik: Neue Stücke in Mühlheim, Seite 43
von Till Briegleb

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