«Verwahrlosung ist die Hoffnung»

Das mittlere Maß war für ihn der lebendige Tod. Ein Interview-Band lässt ihn noch einmal aufleben: den Lebens-, Politik- und Intensitäts­hunger des Dichters Thomas Brasch

Sonnenbrille, Dreitagebartgestrüpp, Stirn­narbe und Brusthaar: Vom Schutzumschlag guckt der Rockpoet. Nur eins der Etiketten, mit denen Thomas Brasch gerne belegt wurde und gegen die er wütend ankämpfte. Dissident war ein anderes. Um dieser Schublade zu ent­gehen, die den Medien ungemein ergiebig erschien, stürzte er sich in wagemutige Behauptungen über die DDR.

Dem jüdischen Funk­tionärssohn, Ex-Schüler einer NVA-Kadettenschule und Knast­insassen wegen Unbotmäßigkeit anlässlich der Warschauer-Pakt-Intervention in der CSSR 1968 blieb sie trotz alledem letzter Hort utopischen Denkens. Die BRD, in die er 1976 31-jährig mit Lebensgefährtin Katharina Thalbach «umzog», um seine Werke gedruckt und aufgeführt erleben zu können, war für ihn daran gemessen ein «windstiller Ort», der alle Widersprüche zu Tode harmonisierte. Dass er 1977 mit dem Stück um den Fleischergesellen «Rotter» und dem Prosaband «Vor den Vätern sterben die Söhne» schnell ins Zentrum der Aufmerksamkeit rückte, hinderte ihn nicht, die BRD als eine «Genuss- und Leistungsgesellschaft» zu beschreiben, die sich mit einer Demokratie nur verwechsele und in der «verdeckt Faschistoides» weiterwirke. 

 

Unkorrumpierbare Abneigung ...

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Theater heute Oktober 2009
Rubrik: Magazin, Seite 70
von Barbara Burckhardt

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