Die neue Substanz

Ein «LSD»-Projekt von Thom Luz, Simon Stones «Engel in Amerika», «Schlafgänger» und «Kinder der Sonne»: Das Theater Basel startet in die erste Saison von Direktor Andreas Beck

Am Anfang des Anfangs tritt ein steinalter Rabbi an die Rampe im Schauspielhaus Basel und beerdigt die guten alten Zeiten. Der Bart wuchert fransig, die Stimme fistelt brüchig, und wenn ihm wieder eine Omi aus dem Pflegeheim in der Bronx weggestirbt, spürt der Rabbi, dass bald niemand mehr weiß, wie ein Schtetl von innen ausgesehen hat. Er hat Mühe mit «die gojische Namen» und damit, womöglich der Letzte seiner Lebens­art zu werden. Er verdient unser Mitgefühl, dieser Rabbi.

Stunden später, am Anfang des zweiten Teils des Anfangs, trippelt ein steinalter Bolschewik an die Rampe.

Sein Blindenstock, seine Fellmütze und Uniform machen eine närrische Figur, aber der Alte reckt trotzig den Lenin-Kinnbart, und seine Fistelstimme donnert ins Parkett. Er hat Mühe mit dieser postsozialistischen Welt und damit, womöglich der Letzte zu sein, der einer Idee nachgelebt hat. Er verdient unsere Nachdenklichkeit, dieser Philosoph.
Beide, der Rabbi und der Bolschewik, sind reine Prologfiguren in Tony Kushners zweiteiligem Monumentaldrama «Engel in Amerika». Hastigere Regisseure als der Australier Simon Stone würden sie streichen und scheuklappengewohnt in den Plot einsteigen. Stone hat mit seinem ...

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Theater heute Dezember 2015
Rubrik: Aufführungen, Seite 15
von Stephan Reuter