Tabori: Goldberg-Variationen

Theater heute

Es beginnt mit einem projizierten Witz. Die Inschrift «Gott ist tot. Nietzsche» wird eingeblendet, kurz danach «Nietzsche ist tot. Gott». Ein philosophisch-theologischer Graffiti-Klassiker als Präambel für ein philosophisch-theologisches Stück Theater auf dem Theater (Stückabdruck in TH 6/91): In Jerusalem probiert ein Regisseur namens Mr. Jay gemeinsam mit seinem Assistenten Goldberg und ein paar Schauspielern ausgewählte Szenen aus der Heiligen Schrift – vom Garten Eden bis Golgatha.

Die «Goldberg Variationen » sind eine Theater-Genesis, Passionsklamotte und Backstage Comedy zugleich - und weil sie von Tabori sind, noch einiges mehr. Die Erstfassung wurde bis zur Uraufführung, wie angekündigt, zum Teil crhcblich verändert. Die Schauspieler Oliver und Hardy heißen jetzt Raamah und Masch; die Bühnenarbeiter und «der Albino» treten nicht auf, dafür gibt es einen dritten Schauspieler namens Japhct; im Text auch Detailverbesserungen-zum Beispiel antwortet Moses auf die Frage, wie Gott aussieht, nicht mehr «knochig», sondern «unsichtbar». Manches wurde verknappt, manches wurde umgestellt, eine Szene (Antonius und Cleopatra) wurde gestrichen, eine andere (Abraham und Isaak) hinzugefügt. Und noch etwas: Während Mr. Jay und Goldberg in der Urfassung miteinander per Sie sind, gibt es in der Letztfassung einen kleinen Unterschied - Mr. Jay duzt Goldberg, der Assistent Goldberg siezt aber den Direktor Jay.

Die Bühne auf der Bühne ist von einem schäbigen, rot-goldenen Portal eingefaßt, die Beleuchtungskörper lassen auf ein 50er-Jahre-Theaterschließen; auf der Vorderbühne ein Regietisch, hinten und an den Seiten Türen. Schon bevor es begonnen hat, kauert im Halbdunkel eine graue Gestalt auf der ansonsten leeren Bühne. Es ist die Putzfrau des Theaters, die auf den klingenden Namen Mrs. Mopp (Ursula Höpfner) hört. Auftritt Goldberg (Ignaz Kirchner) aus dem Souffleurkasten. Der Regieassistent ist ganz in Schwarz gekleidet, auf dem kurzgeschorenen Kopf trägt Goldberg ein Judenkäppi. «Guten Morgen», sagt er, und das ist schon der erste Witz. Denn warum ist der Morgen gut? «Eine leere Bühne ist eine Stätte der Schönheit, besonders am ersten Probentag, wenn noch nichts schiefgegangen ist.» Vom Tonband erklingen erstmals die «Goldberg Variationen» von Bach (gespielt natürlich von Glenn Gould). Dann öffnet sich die hintere Tür-gleißendes Licht dringt herein, als wär's das Tor zum Himmel. (Dahinter sind Dünen und eine Palme zu sehen - was isl das für ein Theater?) Auftritt Mr Jay (Gert Voss) in hellem Schlabber-Anzug und Schal, mit grauer Mähne und grauem Bart. Schon das Outfit (Kostüme: Annette Schaad) legt nahe, daß Tabori mit Mr Jay auch sich selbst meint. Als der Regisseur dann noch von der «ersten öffentlichen Probe» spricht, womit die Premiere gemeint ist, wird der Verdacht Gewißheit: Jay ist (auch) George. Das Stück endet nach drei Stunden damit, daß sich der Vorhang öffnet. Wir erfahren nicht, daß es ein Desaster gibt. Kain trifft Abel mit der Keule am Kopf, weil der sich zu spät gebückt hat. Als Mr. Jay die Opferung des Isaak markiert, fließt abermals Blut. Und im Paradies herrscht Chaos: das (grün-blau-schillernde) Schlangenkostüm zwickt Masch im Schritt, das Feigenblatt ist für Raamah viel zu klein, die Starschauspielerin Teresa Tormentina (Ursula Höpfner) weigert sich, im Evakostüm (also ohne Kostüm) aufzutreten.

Für Mr. Jay ist die Paradies-Szene eine Katastrophe. In Wirklichkeit ist sie ein Höhepunkt des Abends. Schon die Ausstattung, die sich Karl-Ernst Herrmann für den Garten Eden ausgedacht hat, ist paradiesisch schön: aus dem Bühnenboden sprießen (gemalte) Blätter und Blumen, vom Schnürboden senkt sich ein, wieder mit allerlei Gemüse dekoriertes, Himmelbett. Der Baum der Erkenntnis ist übrigens ein Bananenbaum. «Apfel sind ungefähr so libidinös wie ein Pickel auf dem Arsch», befindet die Bühnenbildnerin Ernestina van Veen (Ursula Höpfner) ohne Rücksicht auf Werktreue. Deshalb Bananen. Ausgerechnet! Nachdem die zugeknöpfte Miss Tormentina von der Schlange (unwiderstehlich in einer grünschimmernden balletös-engen Schuppenhaut mit Hinkefuß: Urs Hefti) dazu verführt worden ist, die Hüllen doch noch fallen zu lassen, steigt sie mit Adam (Günter Einbrodt, der sich keine Blöße geben muß) ins Bett. Das wiederum gefällt dem eifersüchtigen Mr. Jay, unglücklich verliebt in Tormentina, gar nicht. Mit einem Feuerlöscher vertreibt er die beiden aus dem Paradies - nicht ohne Eva noch eine Verwünschung nachzuschicken: «Du sollst Mühsal haben, wenn du schwanger bist/ Unter Mühen sollst du Kinder gebären/Bluten sollst du jeden Monat/Und dein Wille soll dem Manne Untertan sein/Und er soll dein Herr sein!»

Womit nicht nur die Genese von Patriarchat und Menstruation geklärt wäre, sondern auch eines deutlich wird: Mr. Jay ist (auch) Mr. Jehova, Mr. Jahwe, ist als Regisseur auch der Theater-Gott. Alles klar: die Bühne als Welt-Bild. In sieben Tagen ist Premiere, alles geht schief-aber schließlich ist dic Welt ja auch nicht so geworden, wie sich das ihr Regisseur gedacht hatte. «Gut, der Mensch ist nicht Gott», sagt Mr Jay in Taboris göttlicher Komödie. «Aber was, wenn Gott auch nicht Gott ist?» Und, kurz darauf; «In diesem Theater erzähle ich die Witze, Goldberg. Nur daß dic Zeil der Witze vorbei ist.»

Das ist natürlich gelogen. George Tabori hat in den «Goldberg Variationen» nicht zum ersten Mal vorgeführt, daß man nach Auschwitz nicht nur Gedichte, sondern auch Witze machen kann. Er macht sogar Witze über Auschwitz: Einmal zum Beispiel bemerkt Mr. Jay, daß Goldberg eine Nummer in den Arm tätowiert hat. «Welches Lager?» fragt er. «Nur das beste ist gut genug», lautet die Antwort. Dies ist-nach Bibelparodie, Backstage Comedy und Schöpfungsparabel – die vierte Dimension des Stücks. Und es ist die große Kunst Taboris, daß die verschiedenen Ebenen naht- und bruchlos ineinander übergehen. Wen - zum Beispiel - verprügeln die «Hell's Angels» (eine Rockerbande, die Mr. Jay als Komparserie für den Tanz ums Goldene Kalb engagiert hat)? Moses, weil er ihnen die Gebote (der Disziplin und Prüderie) predigen will? Oder den Moses-Darsteller Goldberg, weil er Jude ist? Und Jay verheißt seinem Moses, er werden als Bote der Gebote (und Verbote) Gottes von den Menschen dereinst gehaßt werden: als ihr schlechtes Gewissen, das sie lehren wolle, «gut anstatt glücklich zusein». So gibt diese göttliche Komödie auch eine Ahnung von einer Menschheitstragödie, und wie beiläufig erzählt Taboris Schöpfungsgeschichte von der Genese des Antisemitismus . . . Schließlich sind die «Goldberg Variationen » auch ein großes Schauspieler-Stück. Ursula Höpfner darf in ihrer Dreifach-Rolle als Verwandlungskünstlerin brillieren: als Mrs. Mopp ist sie eine Putzfrau von lakonischer Souveränität; als Bühnenbildnerin Ernestina van Veen (mit Jeans und roter Perücke) ist sie ein Theaterprofi von erfrischender Naivität; als Teresa Tormentina ist sie der Prototyp der zweitklassigen Diva. Die Schauspieler-Schauspieler - neben Günter Einbrodt (Raamah) und Urs Hefti (Masch) noch Hans Dieter Knebel als Japhet - sind die Clowns in diesem Theater. Nichts ist schwieriger, als schlechte Schauspieler gut zu spielen - die drei aber fügen sich uneitel und rücksichtslos in ihre (dankbaren) Rollen als Schmierenkomödianten.

Und vor allem sind die «Goldberg Variationen» ein neues Vehikel für das kongeniale Duo Voss/Kirchner. Wie Shylock und Antonio, wie Othello und Jago sind auch Mr. Jay und Goldberg ein sadomasochistisches Männerpaar - eine Kombination wie Herr und Knecht, Vater und Sohn, Laurel und Hardy. Keine Gelegenheit läßt der Regisseur aus, seinen Assistenten zu demütigen: Wieder und wieder muß Goldberg Bibelstellen wiederholen, bis die Betonung stimmt (eine Schikane, die wir aus Bernhards «Theatermacher» kennen); auch die älteste aller Slapstick-Gemeinheiten muß herhalten; Mr. Jay läßt über Goldbergs Haupt einen Kübel Wasser schütten. Und das sind noch die harmlosen Erniedrigungen. Der Mr. Jay ist eine Glanzrolle, und Gert Voss glänzt; Er rollt vielsagend die Augen und wirft stechende Blicke über die Ränder seiner schmalen Brille. Er ist zynisch und charakterlos, geil und egomanisch, zigarrenschmauchend und schweren Schritts auch ein schalkhafter Schmieren-Kortner, ein Tabori-Striese. Kurz: Er stattet Mr. Jay mit sämtlichen Ticks aus, die man von tyrannischen Regisseuren zu kennen glaubt. Und Ignaz Kirchner: Den Körper zu einem Fragezeichen verkrümmt verkrümmt, spielt er den ehemaligen KZ-Häftling, der von Gott (oder Mr. Jay) noch immer nicht in Ruhe gelassen wird, mit schier unheimlicher Intensität- jeder Zentimeter gequälte Kreatur «Sie machen mich lächerlich. Sie lassen die Gottlosen unbestraft», sagt der blutverschmierte Goldberg die Hell's Angels haben ihn gerade zusammengeschlagen und seine Brille zerbrochen - in der letzten Szene vor der Pause zu Mr. Jay. Und als der ihm antwortet, er habe soeben die Gnade erfunden, stößt Kirchner einen Klageschrei aus, wie es lange keinen mehr gegeben hat in unserem Theater.

In der Pause dann ein aufwendiger Umbau - die Bühne wird um I80 Grad gedreht. Im Vordergrund ragt jetzt eine Leiterin die Höhe, ganz hinten blickt man, durch den geöffneten Vorhang hindurch, in einen Spiegel - auf den Hintergrundprospekt ist der Zuschauerraum des Akademietheaters gemalt.

Die Zeit der Witze ist vorbei. Auf dem Probenplan steht die Kreuzigung. Die Bühnenbildnerin läßt drei Kreuze aufstellen - Jay; «Nur zwei: Der Junge bringt sein eigenes mit» - und erläutert in allen (medizinischen und theatertechnischen) Einzelheiten das Procedere der Passion. Zur Veranschaulichung wird ein Lamm ans Kreuz genagelt, und als dem (Stoff-)Tier die Schienbeine gebrochen werden, ist das häßliche Geräusch bis in die letzten Reihen zu hören. Einer der erschreckendsten Momente der Aufführung - analog zu jener Szene aus Taboris Farce «Mein Kampf», in der Himmlischst das Huhn Mitzi massakriert. «Mein Kampf» wurde vor vier Jahren im Akademietheater uraufgeführt - die Hauptrolle, den jüdischen Buchhändler Schlomo Herzl, spielte damals Ignaz Kirchner...

Weil der Jesus-Darsteller noch nicht da ist («Er wird kommen, das verspreche ich»), markiert Goldberg seine Rolle. Welche Rolle Mr. Jay spielt, wird immer undurchsichtiger: Gott? Pilatus? Oder doch nur ein Regisseur? Zwar hat Goldberg unterm Kreuz höchstpersönlich einen Kübel Blut ausgeschüttet. Der Schrei, den er ausstößt, als ihm Mr. Jay die Lanze in die Seite sticht, klingt trotzdem verdammt echt. Die letzte Szene, mit «Die neunte Stunde» übertitelt. Mr. Jay trauert um seinen Sohn – wie Voss als (Gott-) Vater jetzt plötzlich einen ganz privaten Ton findet, ist knapp vor Schluß noch eine schöne Überraschung. Weil aber im Theater niemand stirbt (und weil schließlich auch Jesus von den Toten auferstanden ist), kommt Goldberg rechtzeitig vor Vorstellungsbeginn wieder auf dic Bühne, stellt sich ans Inspizientenpult und spricht dic letzten Worte; «Also, noch mal von vorn. Vorhang.»

Es war ein heißer, schwüler Abend im Akademietheater. Aber noch nach der Aufführung geschehen Zeichen und Wunder; Kaum treten die verschwitzten Zuschauer ins Freie, beginnt es zu regnen. Jay war uns gnädig.

Wolfgang Kralicek in Theater heute 8/1991


Theater heute Archiv 2004
Rubrik: Archiv, Seite 2
von Wolfgang Kralicek