Spleen und Freiheit
Und dann kommen die Tränen. Rotz und Wasser, die ganze schöne FFP2-Maske voll. Das passiert eigentlich nicht im Theater. Theater ist Arbeit, intellektuelle Herausforderung, Genuss, verlorene Zeit, wiedergefundene Zeit. Aber «berührend», das ist in erster Linie ein Adjektiv, um in Kritiken einen perfekt inszenierten Moment zu schildern.
Schuld daran ist Familie Flöz, die Berliner Truppe mit dem klobigen Namen, dem zu knuffigen Foto im Fidena-Programmheft und dem zweifelhaften Werbeversprechen, sie würde regel -mäßig den Berliner Admiralspalast füllen – zwischen «Cats» und Torsten Sträter.
Emotionale Panzerbrecher
Jetzt also Tränen, Erinnerungen, Trauer, Katharsis, das ganz Programm, ausgerechnet im Figurentheater. Weil ein Mann mit einem riesigen großnasigen Puppenkopf auf den echten Schultern im Rollstuhl ans Altenheim-Klavier eiert, einen Ton anschlägt, noch einen. Und sich vorsichtig suchend heraus spielt aus der Welt der Bettpfannen, des Mitleids, des Wartens auf das Ende. Weil sich das Bild meines eigenen Großvaters über die Szene schiebt, der von mir nie eine Träne bekommen hatte, weil zu viel ungeklärte Vergangenheit zwischen uns lag und eine andere, tiefere Trauer. Weil ich ...
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Theater heute 7 2022
Rubrik: Magazin, Seite 70
von Cornelia Fiedler
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