Sondertribunal für den Tyrannen

Thomas Laue, Chefdramaturg am Schauspiel Essen, über «Trial of UBU» von Simon Stephens.

Simon Stephens, der britische Autor mit dem Sinn für die Underdogs und die großen und kleinen Tragödien hinter den politischen Verhältnissen unserer Zeit, schickt sich an, gemeinsam mit dem Regisseur Sebastian Nübling König Ubu, alias Vater Ubu, alias Ubu Roi den Prozess zu machen. Jener anarchisch-bösen Theaterfigur also, die Alfred Jarry als Vorläufer der Surrealisten 1889 ebenso lustvoll wie skandalös mit einem Knall zum Leben erweckte. 


Ubu ist gemein und brutal, skrupellos und böse, opportunistisch und feige. Und oft ist er dabei wahnsinnig unterhaltsam.

Man könnte ihn gelassen als eine skurrile und leicht monströse komische Figur zur Kenntnis nehmen – wenn seine Launen und seine Habgier ihn nicht dazu treiben würden, den König zu ermorden und die Herrschaft an sich zu reißen. Sein Putsch, der wie eine kindliche Spaßrevolution mit der Aussicht auf Leberwurstbrote und eine schöne Kapuze zur Fantasieuniform beginnt, führt geradewegs in ein gnadenloses und unberechenbares Terrorregime. Ubu und seine Miliz räumen nicht nur den König aus dem Weg, sondern auch die Wirtschaftselite und die Intelligenz des Landes und schließlich auch die eigenen Weggefährten. Sie plündern und morden, ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute Jahrbuch 2009
Rubrik: Neue Stücke, Seite 174
von Thomas Laue

Vergriffen
Weitere Beiträge
Darf man über die Stasi lachen?

Am 7. Oktober 1995 hatte ich bei den Freiburger Literaturtagen eine Lesung aus «Helden wie wir». Ich las im vollbesetzten Rathaussaal gemeinsam mit Radek Knapp, Petra Morsbach, Robert Schindel, Burkhard Spinnen und anderen. Die Veranstaltungen, wie ich sie damals erlebte, folgten einem bestimmten Muster: Ich kam als völlig Unbekannter, als unbeschriebenes Blatt,...

«Das Ordentliche müsst ihr nicht spielen. Das kommt von allein»

10. November 

Leseprobe. Die Schauspieler, die Gosch um sich versammelt hat, haben alle schon mit ihm gearbeitet. Sie sind dabei gut gefahren. Jeder von ihnen weiß um seine Krankheit. Er beginnt mit der Bitte, man möge ihn nicht an den Schultern berühren. Die Metastasen seines Tumors haben sich unter die rechte Schulter geschoben. Angela Schanelec hat das Stück neu...

«Lasst uns doch alle gemeinsam den Rechtsweg gehen!»

Die erste Entdeckung im Archiv des Berliner Maxim Gorki Theaters ist ein massiver Stapel Schwarzweißfotos. Darauf: Jeweils zehn Schauspieler, die vom ersten bis zum letzten Bild ohne nennenswerte Positionsveränderung deklamierend an der Rampe stehen; die Männer in Anzügen, die Frauen in Sixties-affinen, aber gern auf staatstragend gerüschten Minikleidern. Der Abend...