Sehnsucht nach terra incognita

Die asiatischen Inszenierungen des Festivals Theaterformen setzen sich mit der kolonialen Vergangenheit auseinander

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Normal Theatre Is Boring» steht auf dem Pappschild, das eine Performerin mit grellbuntem Rock und strammen Zöpfen ins Publikum streckt. Nein, langweilig ist dieser Theaterabend keineswegs: Die Zuschauer hocken auf plastikbezogenen Kissen am Boden, sie tragen Regenponchos und Ohrstöpsel gegen die künstlerischen Zumutungen von Toco Nikaido und ihrer Gruppe Miss Revolutionary Idol Berserker.

Dreißig Performer in grandiosen Kostümen – Lichterkettenkorsett inklusive – exerzieren zu überlauten Popsamples die komplexen Choreografien des Otagei, mit denen Popfans bei Konzerten ihren Stars huldigen. 

 

Nur dass hier das Publikum zum Objekt eines ziemlich irren Huldigungsrituals wird, bei dem es mit Japan-Klischees buchstäblich beworfen wird, mit Tofu nämlich und mit Seetang, und mit diversen Flüssigkeiten begossen. Auf allen drei Wänden löst sich der Bühnenraum durch flächendeckende Projektionen im Virtuellen auf, Songzeilen flattern vorüber und zähnefletschende, großäugige Mangamädchen vor grellbunten Neonfarbverläufen. Und mit den nackten Füßen im Fischsud hockend fragt man sich, wie man diesem manischen vierzigminütigen Event beikommen soll, diesem Wahrnehmungsoverkill, der Konsum- und ...

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Theater heute August/September 2016
Rubrik: Festivals, Seite 42
von Esther Boldt

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