Schöne Stühle

Neil LaBute nach Büchner «Woyzeck»

Büchners «Woyzeck», so will es die Sagenschreibung, soll bereits für den Teenager Neil LaBute von immenser Bedeutung gewesen sein. So sehr, dass LaBute schon sehr jung – jünger als Büchner selbst war, als er sich den «Woyzeck» 23-jährig von der Seele schrieb – den Stoff ins Amerikanische übersetzt haben soll.

Und dann, als LaBute viel später einmal als großer «amerikanischer Zeitgeist-Autor» (3sat) gefeiert wurde, holte er seine Büchner-Übersetzung aus der Schreibtischschublade, fütterte sie der gutgeölten Maschinerie seiner theatralen und medialen Vervielfältigung ein, und so kam es denn im Rahmen der Zürcher Festspiele Ende Juni tatsächlich zu einer Art LaBute-Welturaufführung oder auch zu einem «Woyzeck – Totally Lost In Translation». 

Es wurde nach der Premiere viel geschimpft über den «anmaßenden Etikettenschwindel» («Neue Zürcher Zeitung»), und der Aufwand, der da betrieben wurde, ist auch tatsächlich recht unverständlich, denn LaButes einziger Kniff, nämlich Woyzeck zu einem über den Lauf der Geschichte desillusionierten und vom Misslingen der Revolution überzeugten Intellektuellen umzufunktionieren, der lesen kann und aus Büchners Briefen an seine Braut zitiert, hätte jedem ...

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Theater heute Oktober 2006
Rubrik: Chronik, Seite 47
von Simone Meier

Vergriffen
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