Rauchen. Pilze essen. Brabbeln

Alles ist Song: Sebastian Nübling inszeniert am Hamburger Thalia Theater einen Essay von Navid Kermani zur Musik von Neil Young

Theater heute - Logo

Ach, Popmusik. Immer wieder versucht das Hamburger Thalia, deren entgrenzende Kraft fürs Theater nutzbar zu machen: Ene-Liis Semper und Tiit Ojasoo inszenierten hier «Hänsel und Gretel» mit Rammstein-Grand-Guignol, Stefan Pucher ein Charles-Manson-Musical namens «Summer of Hate», Jette Steckel «Romeo und Julia» mit Soap&Skin-Melancholie. Immer wieder fällt das Theater mit diesen Versuchen auf die Nase. Immer wieder startet es einen neuen Versuch. Eine Beharrlichkeit, die Respekt abnötigt.

Interessanter werden die Versuche dadurch natürlich nicht (obwohl insbesondere «Romeo und Julia» ein sehr junges, theaterfremdes Publikum ans Haus binden konnte).

Der jüngste Pop-Kunst-Brückenschlag stammt von Sebastian Nübling. Er nimmt sich Navid Kermanis 2003 erschienenen Essay «Das Buch der von Neil Young Getöteten» vor: eine Beschreibung, wie die kleine Tochter des Autors nachts von Drei-Monats-Koliken gequält wird und sich nur von der Musik des kanadischen Songwriters Neil Young trösten lässt. Worauf der Text Kermanis Leben entlang von Youngs Songs erzählt, «The Last Trip To Tulsa», «Hey Hey My My», «Cortez The Killer». Eine Biografie, gefiltert durch Popmusik.

Der Umarmungsverweigerer

Al ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute Januar 2020
Rubrik: Aufführungen, Seite 12
von Falk Schreiber

Weitere Beiträge
Der neue Mensch

Dass das Individuum und seine Lebensführung in der Spätmoderne in eine grundsätzliche Krise geraten sind, ist ein verbreitetes Thema der kulturkritischen Debatte der Gegenwart. Das, was Alain Ehrenberg das «erschöpfte Selbst» nannte, wird in diesem Zusammenhang allenthalben beklagt.(1) Risiken der Überforderung und Überanstrengung scheinen das spätmoderne Subjekt...

Sog des Jammerns

Smart sieht er aus, dieser Iwanow, der jetzt Nikolas «Nicki» Hoffmann heißt: Wie er so traurig in den Himmel guckt, dabei von der Videokamera eingefangen und an die Rückwand der Bühne gezoomt wird, während die melancholische Songwriterstimme von Bill Callahan erklingt, der eine traurige Ballade von Dunkelheit und sterbenden Schatten singt. Ein bisschen wie im Film...

Politik der Gefühle

Zu Beginn eine Szene, die an die US-Serie «True Detective» erinnert: Taschenlampen erhellen den dunklen Bühnenraum, geben den Blick frei auf eine unheimlich drapierte Frauenleiche. Eindeutig ein Ritualmord: ausgeweidet wie ein Tier, mit einem Hirschgeweih auf dem Kopf und Runenzeichen am nackten Körper. «Fesseln, Stiche, Folter, nirgends Blut», stellen die beiden...