Projektionen, Projektionen
Man sitzt auf rotem Samt im Cuvilliéstheater, feinstes Rokoko aus dem 18. Jahrhundert, vorrevolutionär versteht sich, als Fürsten die Kunst gern noch zum Spiegel ihrer Herrlichkeit erklärten. Auf der Bühne vorn an der Rampe aufgereiht vier rote Polsterstühle wie in den Logen, dahinter schwebt eine dunkle Wand, mindestens fünf mal fünf Meter, aus zusammengeschweißten Platten, wuchtig karg und dekorativ zugleich.
«Der Riss durch die Welt» heißt das Auftragswerk, mit dem sich der Uraufführungsreigen zu Beginn der Intendanz von Andreas Beck am Münchner Residenztheater fortsetzt. Tatsächlich ist es die alte Kluft zwischen Reich und Arm, privilegiert und ausgeschlossen, die sich durch die Eskalation der multiplen globalen Krisenlage nur noch verschärft, die Abschottung und die tödlichen Grenzen, über die auch Kunst keine Brücken bauen kann, weil sie in Teilen zumindest immer auch Teil des Systems ist. Roland Schimmelpfennig hat dazu nach bewährter Methode Gegenwartskonfliktpotenzial mit archaischer Erzählung – hier kein Mythos, sondern passend zum Klimawandel die zehn biblischen Plagen – kurzgeschlossen und ein Konversationssetting konstruiert, in dem zwei Paare unterschiedlichen ...
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Theater heute Januar 2020
Rubrik: Aufführungen, Seite 6
von Silvia Stammen
Smart sieht er aus, dieser Iwanow, der jetzt Nikolas «Nicki» Hoffmann heißt: Wie er so traurig in den Himmel guckt, dabei von der Videokamera eingefangen und an die Rückwand der Bühne gezoomt wird, während die melancholische Songwriterstimme von Bill Callahan erklingt, der eine traurige Ballade von Dunkelheit und sterbenden Schatten singt. Ein bisschen wie im Film...
Eine Sextherapie gegen Rassismus: «Slave Play» wirkt auf den ersten Blick ziemlich abgedreht. Doch vielleicht zeichnen sich gute Ideen genau dadurch aus, dass sie anfangs befremden und am Ende den Eindruck hinterlassen, dass sie eigentlich ziemlich naheliegend waren. In dem Stück des dreißigjährigen Autors Jeremy O. Harris, das Anfang Oktober am Broadway Premiere...
Roxane kocht Gemüsesuppe, und alle Mord-und-Rache-Fantasien Racines landen im Kochtopf. Es ist ein Ereignis. Wie die Schauspielerin Jeanne Balibar sich ihre Kraut- und Sellerieköpfe zurichtet, wie sie die Tomaten blutig quetscht, dem Suppenfleisch eine Abreibung mit Kochsalz verpasst – das hat Klasse und sagt beiläufig was aus über ein Frauenbild. Dass Balibar...
