Problem Bewusstsein

Shakespeare «Hamlet», nach Cassavetes «Opening Night»

Er hält es im Kopf nicht aus. Die Bücher, die auf die Bühne (Bartholomäus M. Kleppek) herabregnen und später aus Ophelias Grab hochgeschleu­dert werden, geben ihm den Rest. Die Stimmen, die in ihm toben (oder als Sports-Geist in weißer Fechter-Montur auftreten und mit ihm einen Robot-Rap ausführen), muss er aus sich raus lachen. Da kann Hamlet – in Kapuzenjacke und Springerstiefeln – nur noch maschinenhaft in Heiner-Müller-Zungen reden und mühsam die Buchstabenfolge im Namen Horatio zusammenbringen.

Jan Klata setzt Shakespeares Drama unter das Dauerfeuer seiner Einfälle, die er bereitwillig wiederholt und immer noch eins draufgibt. Einer davon ist, die Szene als Ballettstudio einzurichten, mit Übungsstange, an der Ophelia (mit gefärbtem Karotten-Haar: Xenia Snagowski) Spitze übt oder an die sie im Sadomaso-Ritus gefesselt wird im Angesicht einer Spiegelwand, vor der Claudius und Gertrud Ovationen der Dänen empfangen. Ein anderer Einfall: Polonius als Trainer mit Trillerpfeife die seinen drillen zu lassen. Oder: Hamlet und Gertrud (Bettina Engelhardt) unter einer Plastikplane in inzestuösem Handgemenge. Oder: Laertes und Hamlet zu Vivaldi schattenboxend im Duell. Und weiter: ...

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Theater heute Mai 2013
Rubrik: Chronik, Seite 58
von Andreas Wilink

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