Postkoloniales Kannibalenragout

nach Daniel Defoe «Robinson Crusoe»

Theater heute - Logo

Manch langjähriger Burg-Abonnent soll schmerz­lich zusammengezuckt sein, als er ansehen muss­te, wie der eine oder andere heilig rot­samtene Stuhl im Zuschauerraum von Joachim Meyerhoff sorgsam zerlegt wurde. Aber Robinson Crusoe strandet nicht von Ungefähr im hinteren Zuschauerrund des Wiener Theatertempels und muss sich trotz strengstem Denkmalschutz schließlich ein Not­lager zusammenbauen.

Deshalb werden in einer gut 45-minütigen Handwerksübung ausgewählte und besonders präparierte Stücke von Samt, Borten und mancher Holzleiste befreit und mit viel Heimwerker-Lust in ein kleines Kulturbiwak verwandelt.

Wer dahinter nur eine munte­re Bastelstunde von drei inszenierungs­tragenden, ewig jungen Sandkastenfreunden vermutet – neben Mey­erhoff noch Ignaz Kirchner als Freytag und Regisseur Jan Bosse –, liegt gründlich falsch. Tatsächlich handelt es sich um ein grundstürzend kulturkritisches Projekt aus kristallklarstem postkolonialem Gewissen. Man muss sich dazu den guten alten Robinson Crusoe als zerstörerischen alteuropä­ischen Aufklärer denken, der mit blind-mörderischem Hochmut über scheinbar minderwertige Kulturen herfällt, weshalb Meyerhoff in der ersten halben Stunde mit ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute August/September 2012
Rubrik: Chronik, Seite 60
von Franz Wille

Weitere Beiträge
Die Tür zur Geschichte

Dem Zufall verdanke sie diesen Preis, sagte die junge ägyptische Theatermacherin Laila Soliman im November letzten Jahres zu den versammelten SPD-Honoratioren, die ihr den 1. Internationalen Willy-Brandt-Sonderpreis für besonderen politischen Mut verliehen, dem schlechten politischen Gewissen, das aus der frag­würdigen deutschen Außenpolitik resultiere, «und...

Zum Totlachen

Irgendwann im fortgeschrittenen Stadium von «Der Geizige» rollt Harpagon einen staubigen und schon ziemlich abgetretenen Perserteppich in Bert Neumanns Jahrmarktsguckkastenbühne aus. Stammgäste kapieren sofort, dass die aggressive Seitenlage, in die Martin Wuttke sich darauf wirft, nicht ohne Häme den Kollegen Wolfram Koch in der «(S)panischen Fliege» zitiert. Dort...

In weiter Ferne so nah

So etwas kann natürlich auch gehörig schief gehen. Wenn bei angestrengter Gutmenschlichkeit nur noch die pure Ambition zu erkennen ist. Wenn die Bühne zum Infostand wird und das gute Gewissen zum Regiekonzept. Wenn man Hilfsbereitschaft mit Folklore garniert und am Ende multikulturelle Friedens- und Freudentänze aufführt. Wenn man Schwarz-Weiß-Malerei betreibt und...