Pietismus im Hypnose-Modus

Ulrich Rasches minimalistisches «Kirchenlieder – ein Chorprojekt» am Staatstheater Stuttgart

Der ideelle Gesamtschwabe arbeitet gerne und viel, betet fromm und pflegt einen Drang zum Höheren. Da er dieses Höhere aber gut radikalprotestantisch in der innerweltlichen Pflichterfüllung sieht, geht das alles gut zusammen, und er arbeitet sich in spiritueller Fröhlichkeit den Arsch ab. Für diesen Zusammenhang aus Arbeit und Spiritualität, ja aus stumpfer, entmenschter Funktionalität und tief empfundener Hochstimmung wählt Autor/Regisseur Ulrich Rasche in seinem Stück «Kirchenlieder – ein Chorprojekt» das Bild des singenden, schreitenden Kollektivs.

Ähn­lich ist er bereits bei seiner letzten Arbeit vorge­gangen, «Singing! Immateriell Arbeiten», die im Okto­ber 2004 im Palast der Republik Premiere hatte. Damals schritten die 40 Sänger und 20 Sprechdarsteller die den Palast in seiner ganzen Tiefe durchmessende Bühne ab und sangen und skandierten Arbeiterlieder und Texte von u.a. Maurizio Lazzerato, dem Theoretiker der immateriellen Arbeit.

Diesmal schritt ein ähnlich starkes Ensemble aus Sprechern und Sängern in verschieden schnell bewegten, einander überholenden und überlagern­den oder sich entgegenkommenden Kreisen immer rund um die sich sanft drehende Bühne des Schauspiels ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute März 2006
Rubrik: Musiktheater, Seite 18
von Diedrich Diederichsen

Vergriffen
Weitere Beiträge
Unter tausend Sonnen frieren

Zwei Paare, vier Sterne, ein Apfelbaum. Jana geht mit Kalle; Susann geht mit Anton. Die Sterne sind vermeintliche Designerdrogen und ange­schafft, damit man in dieser Nacht mal «was spürt». Der Apfelbaum weist Rich­tung Sternenhimmel. Susann sagt: «Die Sterne. / Mit der ganzen Zeit, die sie haben. / Hängen da oben rum. / Wie Kinder ohne Zukunft.» Die Vier warten...

Die Schöpfung geht weiter

I love you»: Mit rotem Herzen und entsprechendem Bekenntnis erstrahlte das weiße Kapuzenshirt von Rainald Goetz, als er jüngst in der Berliner Akademie der Künste am Pariser Platz einem Seelenverwandten seine Reverenz erwies. Es war ein glücklicher Einfall, den «schlaflosesten Zeitgenossen der pubertierenden Berliner Republik» (so kürzlich Gustav Seibt in der...

Die minimalistische Phase

Als Johan Simons begann, Theater zu machen, bestand er darauf, seine Aufführun­gen stets außerhalb der festen Häuser zu zeigen. Seine Gruppe Hollandia spielte überall dort, wo Theater nicht hinpasste, in Wohnungen und Hühnerställen, in Gewächshäusern und auf dem Acker, in verrotteten Fabriken und postmodernen Bürokomplexen. Aus der Not, keine eigene Bühne zu haben,...