Oldenburg: Dystopie als Sexrevolte

George Orwell «1984»

Wer gegen die «Lügenpresse» wütet, der glaubt auch, dass Gender Mainstreaming ein perfides Programm zur Gleichschaltung des Begehrens sei und nennt politisch korrekte Sprachempfehlungen verächtlich «Neusprech». Pegida und AfD haben George Orwells 1949 erschienenen Roman «1984» genau gelesen, was absurderweise zur Folge hat, dass die totalitarismuskritische Dystopie eines antistalinistischen Sozialisten innerhalb von 70 Jahren als Stichwortverzeichnis für Rechtsaußen missverstanden wird.

Fürs Theater ist «1984» reizvoll, trotzdem muss mittlerweile jede Inszenierung einrechnen, dass der Schluss­applaus von der falschen Seite kommen könnte – von der Seite, die Orwells Zukunftsvision allzu platt auf eine Gegenwart bezieht, in der eine angenommene linke Hegemonie jeden Widerstand diktatorisch unterdrückt.

Luise Vogt weiß um dieses Risiko, also verunmöglicht die Regisseurin die Identifikation des Publikums mit dem Bühnengeschehen am Staats­theater Oldenburg: Sie koppelt die Geschichte von Orwells Helden Winston (Klaas Schramm) mit der Biografie des sowjetischen Theatererneuerers Wsewolod E. Meyerhold (Thomas Lichtenstein). Der war einst glühender Kommunist, fiel unter Stalin in Ungnade ...

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Theater heute November 2018
Rubrik: Chronik, Seite 58
von Falk Schreiber

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