Öffnungen, Entdeckungen
Kann mal bitte jemand die Zikaden abstellen? Theater beim Festival von Avignon ist zu weiten, oft den schönsten Teilen Theater an der freien Luft. In romanischen Kreuzgängen, barocken Innenhöfen, klassizistischen Gärten. Das hat zur Folge, dass auch mal ein dicker Käfer auf dem Mond im «Sommernachtstraum» herumbrummt oder dass weit oben im Pro -vencehimmel die Schwalben kreischen, ohne sich weiter um das Bühnengeschehen zu kümmern. Und eben so gut wie durchgehendes Grillengezirpe.
Ab Temperaturen um 23 Grad legen die Langfühlerschrecken los, heißt es, in diesen Sommernächten wurde die Grenze selten unterschritten. Kein Wunder, ärgert sich der schicke Rockstar – weiße Cowboystiefel, weiße Fransenjacke, weißer Stetson – in Philippe Quesnes «Garten der Lüste» («Le jardin des délices»). Er will ein selbstverfasstes Gedicht rezi -tieren, der Insektengesang stört. Womit er nicht gerechnet hat, und ganz gewiss auch niemand im Publikum, ist, dass sein Kollege am Keyboard dienstbeflissen einen Schalter umlegt – und es herrscht Stille im Felsenrund.
Cowboys, Eier, 3D-Skelette: Quesne meets Bosch
Wie er die Grillen zum Schweigen gebracht hat, bleibt Philippe Quesnes Geheimnis. Der ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Theater heute Oktober 2023
Rubrik: Festivals, Seite 27
von Andreas Klaeui
Die Briefe von Felix Ganz gehen unter die Haut. Eben noch ein wohlhabender Teppichgroßhänd -ler und Fabrikant in Mainz mit internationalen Verbindungen, einer großen Villa am Rhein und rauschenden Festen, haben ihn die Nazis enteignet, entwürdigt und mit seiner Frau Erna in ein kleines Zimmer im Mainzer «Judenhaus» gegenüber der Gestapo-Zentrale verbannt. Seine...
Wie davon erzählen, vom vermeintlichen Ankommen als Arbeitsmigrant:innen-Kind im bundesdeutschen Wohlstandswesten? Vom sich Heraufschwingen in den Kronleuchter der Wunschexistenz, die doch immer gefährdet und prekär bleibt? Von den Erinnerungen an die dauergestresste Mutter, die von Niedriglohnjob zu Niedriglohnjob hetzen musste, nie Zeit für sich hatte, das Kind...
Abends sinken die Temperaturen dann doch unter vierzig Grad. Die steinernen Sitzbänke im weiten Rund des Amphitheaters sind aber immer noch so aufgeheizt, dass man sie gut als Herdplatte nutzen könnte. Das weite Rund oben am Berg, etwas abseits des Küstendorfes Epidaurus, fasst maximal 14.000 Zuschauer:innen. An diesem Abend zugelassen sind «lediglich» 9000. Der...
