Denken und Schreiben, Schreiben und Denken

Kein Mangel an neuen deutschen Stücken, die Uraufführungs-Wirtschaft floriert. Aber damit fangen die Probleme erst an. Über dramatische Einsichten und andere Welt-Ausblicke von Roland Schimmelpfennig, Thomas Jonigk, Fritz Kater, Reto Finger, Christoph Nußbaumeder, René Pollesch und Elfriede Jelinek

Irgendetwas fehlt. Warum Herr Hering immer noch am Tisch sitzt, ist ihm am allerwenigsten klar. Ernst Stötzner guckt so freundlich selbstfremd und antriebsschwach in die Runde, als ob er gerade seine bessere Gehirnhälfte verlegt hätte. Ein Blick von schärfster Klarheit und sympathischer Leere, der die Welt mit ganz neuen Augen sieht. Sitzenbleiben? Weitertrinken? Nachhausegehen? Wozu überhaupt entscheiden? Kurz vor Schluss kommt ihm noch eine Erleuchtung.

«Wir können fliegen», jubiliert der selig auf dem Tisch wankende Hering: «Wir sind höhere Wesen, wir sind Götter!» Dazu legt Stötzner recht anmutig die Arme an, spreizt die Hände abflugbereit und streckt die Nase unternehmungslustig in die verqualmte Kneipenluft. Aus einem weltverlorenen Mittelstandstrinker wird momentlang ein stolzer Rabe.

Soviel Aufschwung ist sonst rar. In Roland Schimmelpfennigs «Ambrosia» treffen acht grundsolide Zecher zwischen Mitte dreißig und um die sechzig und geben alkoholisch enthemmten Einblick in ihre Gedanken- und Gefühlswelten. Man befindet sich in durchaus saturierten Verhältnissen, keine Arbeitslosen oder Sozialfälle am Tisch, lebt in den noch wertstabilen Quartieren der besseren Provinz und hat ...

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Theater heute Dezember 2006
Rubrik: Neue Stücke, Seite 12
von Franz Wille

Vergriffen