Das Ochsenschwanz-Verfahren

Jon Fosses Stücke mit der Seele suchen: Laurent Chétouane und Elias Perrig inszenieren die deutschen Erstaufführungen von «Schatten» und «Besuch» in München und Basel

Wenn man einen Ochsenschwanz mit etwas Salz in einen Topf voll Wasser gibt und ein paar Stunden friedlich köcheln lässt, erhält man folgendes Resultat: Das Fleisch ist zerkocht, das Wasser verdampft und am Topfboden blubbert ein Sud, der viel intensiver und aromatischer schmeckt als jedes Stück Ochse zuvor. Nach einem solchen Fond strebt auch der norwegische Dichter und Dramatiker Jon Fosse. Allerdings, das ist klar, will er nicht brave Wiederkäuer auf ihre Essenz reduzieren, sondern den Menschen – und das nicht am Küchenherd, sondern an seinem Schreibtisch.

In seinem jüngsten Stück «Schatten» ist Fosses literarische Eindampftechnik bislang am weitesten gediehen. Die sechs Figuren, die darin vorkommen, sind von jedem individuellen Merkmal befreit, von allen Sprachgirlanden gereinigt und allein durch Geschlecht und Alter (der Mann, die Frau, der Freund, das Mädchen) sowie Familienfunktion (Vater, Mutter) typisiert. «Ich habe», gab der Meister aus Norwegen kürzlich zu Protokoll, «eine Abneigung dagegen, meinen Figuren Namen zu geben, vor allem gegen die Kombination aus Vor- und Nachnamen. Ich finde dieses Benennen so reduzierend. Damit beschränkt man das menschliche Wesen immer auf ...

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Theater heute Dezember 2006
Rubrik: Neue Stücke, Seite 19
von Eva Behrendt

Vergriffen