Prototyp Toto

Wenn Sibylle Berg einen Roman namens «Vielen Dank für das Leben» schreibt, darf man von einem vergifteten Geschenk ausgehen

Es sind ein Leben und drei Zeitalter, auf die Sibylle Bergs Roman «Vielen Dank für das Leben» einen gnadenlosen Blick wirft: die sozialistische 60er-Jahre-DDR, in der Toto geboren wird und aufwächst, die spätkapitalistische gesamtdeutsche Nachwendezeit und eine sci-fi-hafte nahe Zukunft bis 2030, die Toto nach Paris verschlägt.

66 Jahre umfasst dieses Panorama, und ein Attribut lässt sich auf jede Ära, jeden Ort, alles Personal anwenden: grauenhaft!

Totos (und Sibylle Bergs) Geburtsland DDR: ein Horrorszenario aus Kälte, Suff, Verwahrlosung und Grausamkeit, das Fluchtpläne für jeden außer Toto unausweichlich machen würde. Doch Toto ist anders. Toto plant nicht, Toto will nichts, Toto flieht nicht, sondern lässt geschehen, was geschieht: Dass er zufällig in eine Gruppe Kommunismus-verliebter Westler gerät, die Mitte der 80er Jahre beschließen, ihn aus dem Land zu schmuggeln. Toto nimmt das hin, wie er alles hinninmmt.

So einen wie Toto gibt es nur in Büchern, da heißen sie Forrest Gump, Kaspar Hauser, Parsifal oder Oskar Matzerath und fungieren als Brenngläser, durch deren Unschuldsblick die Welt sich in ihrer ganzen Schwärze entlarven kann. Toto ist, Sibylle Berg verrät es auf ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute November 2012
Rubrik: Magazin, Seite 69
von Barbara Burckhardt