Platzende Herzen

Leonid Andrejew war ein Zeitgenosse Tschechows. Im Moskauer Oleg-Tabakow-Theater hat der lettische Regisseur Mindaugas Karbauskis «Die sieben Gehenkten» ausgegraben.

Was hat die Mutter ihrem Sohn zu sagen, der auf seine Hinrichtung wartet? Eine zerbrechliche alte Frau stolpert langsam in Richtung Rampe, in ein wollenes Tuch gewickelt, Mitbringsel für ihren Jungen in der Hand. Zitternd und distanziert trifft sie ihn an.

Eigentlich möchte sie ihm von ihrer Trauer erzählen, aber stattdessen entringt sich ihr eine kleinliche Schimpfkanonade: Wie er seiner Familie das antun konnte? Warum er um Himmels willen den Regierungsbeamten in die Luft jagen wollte? Wie sein Vater denn nun mit seinem rücksichtslosen Benehmen fertig werden solle? Kochend vor Zorn antwortet der Sohn. Zurück aus dem Gefängnis, verläuft die alte Frau sich verzweifelt und dem Wahnsinn nahe im Straßengewirr des alten Moskau, ihrer Geburtsstadt. Plötzlich erscheint ihr der Sohn, dreht sich im Takt eines traurigen Walzers und bringt einen Hochzeitstoast auf sie aus. Alles dreht sich in ihrem Kopf, bald verliert sie ihn ganz und sich selbst in diesem Alptraum, schließlich sehen wir einen Fremden ihren leblosen Körper aufnehmen.
Mindaugas Karbauskis’ Inszenierung der 98 Jahre alten Erzählung «Die sieben Gehenkten» von Leonid Andrejew im Moskauer Oleg-Tabakow-Theater ist ein ...

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Theater heute August/September 2006
Rubrik: Magazin, Seite 93
von Yana Ross

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