Das Wunder von Frankfurt

Giulio Ricciarellis Spielfilmdebüt «Im Labyrinth des Schweigens» mit Alexander Fehling und Gert Voss als Fritz Bauer

Es ist die nämliche Atmosphäre von Biedersinn und Bedrückung, von Wiederaufbaustolz, Verdrängung und versäumter psychischer Trümmer-Beseitigung, die auch Sönke Wortmanns «Das Wunder von Bern» nachzeichnet. Bei Wortmann geht es, ganz banal, um die Fußball-WM 1954, in Giulio Ricciarellis Film «Im Labyrinth des Schweigens», der wenige Jahre später spielt, um die Enthüllung der Nazi-Verbrechen und die Vorbereitung der Frank­furter Auschwitz-Prozesse durch die hessische Staats­anwaltschaft.

Generalstaatsanwalt Fritz Bauer, aus dem schwedischen Exil zurückgekehrt in «Feindesland», Jude und homosexuell, macht es sich zur Aufgabe, von Deutschland «den Zuckerguss» abzukratzen. Dafür wird er geschmäht und bedroht. Er überträgt (hier wird Ricciarellis Drehbuch fiktiv) die Leitung der Untersuchungen dem jungen, arglos blonden Johann Radmann, dessen Ehrgeiz in der Bearbeitung von Verkehrsdelikten ungestillt blieb. Zusammen werden sie Gerichtstag halten über das eigene Volk. Wobei der Widersinn ist, kollektive Schuld individuell nachweisen zu müssen. Wo zeigt ein Fotodokument nachweislich eine bestimmte Person, wo belegt eine Unterschrift eine Mordtat, wo lässt sich jemand eindeutig durch einen ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute November 2014
Rubrik: Magazin, Seite 70
von Andreas Wilink