Liebestod und Hirnsalat

In Frankfurt warnt Michael Thalheimer mit Kleists «Penthesilea» vor tödlichen Leidenschaften, und «George Kaplan» erfreut alle Verschwörungstheoretiker

Der große Liebesfinalkreis schließt sich pathetisch, als Achill tot ist. Da hält Penthesilea die blutverschmierte Leiche auf ihrem Schoß, Musik brandet auf, und ihr verbaler Selbstmord ist beschlossen. Mächtig aufgetürmt ergießt sich das tragische Gefühl von der steilen Bühnenrampe ins andächtig gebannte Publikum und von da in den Schlussapplaus. Die große Oper befindet sich in Frankfurt eigentlich im Nebengebäude, aber solche Kleinigkeiten haben Michael Thalheimer noch nie gestört. «Vor welcher Tat ich steh, begreif ich wohl. / Doch stärker als Vernunft ist Leidenschaft.

/ Aus ihr entstehen der Menschen schwerste Leiden.» Das Zitat stammt zwar aus «Medea», Thalheimers letzter Tragödie in Frankfurt, doch es passt auch auf Kleists «Penthesilea», jedenfalls wenn man sie auf antikes Tragödienmaß bringen will.

Penthesileas wie Achills Dilemma ist nicht besonders kompliziert: Ihrer durchaus gegenseitigen Liebe steht die solide verinnerlichte preußische Gesellschaftsregel entgegen, dass man den anderen vor dem Vergnügen erst militärisch zu erobern hat. Auf dem Schlachtfeld kann allerdings nur einer gewinnen. Zuerst ist es Achill, der Penthesilea besiegt und der aus der Ohnmacht ...

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Theater heute Februar 2016
Rubrik: Aufführungen, Seite 18
von Franz Wille

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