Liebe TINA, es geht dir gut!

Der Kapitalismus hat gerade schwer enttäuscht. Vor noch nicht einmal 20 Jahren ist der osteuropäische Staats­sozialismus sang- und klanglos kollabiert, seitdem galt die unsichtbare Hand des freien Marktes als globaler Heils­bringer. Und nun das: die größten Banken weltweit am Rande des Nervenzusammenbruchs. Trotzdem werden wir weiter mit dem Kapitalismus leben müssen, denn er ist einfach nicht kaputtzukriegen, meint Diedrich Diederichsen. Was ihn nicht netter macht. Also wird man ihm umso genauer auf die Finger sehen müssen. Zum Beispiel in Nürnberg, wo das Ende der AEG in einem dokumentarischen Theaterprojekt zu erleben ist. Oder mit Stücken, die noch bis vor kurzem als gründlich ausrangiert galten: eine Umfrage unter Dramaturgen. Ein Gewinner der Krise steht schon fest: der Staat. Ohne ihn, der noch vor wenigen Monaten als Erpressungsopfer der weltumspannenden Konzerne galt, geht zur Zeit gar nichts mehr. Und mit ihm bestätigt sich eindrucksvoll das öffentlich finanzierte deutschsprachige Theatersystem. Denn der Blick nach New York zeigt: Sponsoren sind schön, wenn sie Geld übrig haben. Wenn nicht, sind sie weg. Erfreulicherweise gilt für die Bühnen hierzulande, was in Freiburg über dem Theater hängt: Bei uns ist ihr Geld sicher.

Früher war es einfach selbstverständlich, gegen den Kapitalismus zu sein. Was müssen das für Menschen sein, die allen Ernstes Spaß daran haben, Geld zu machen, dachte man. Das war so absurd, wie den FC Bayern München zu unterstützen. Ich erinnere mich noch, es war Ende der 90er, als ich mit ein paar Freunden in einem Berliner Café saß und eine Ausgabe der Zeitschrift «Brand eins» durch das Etablissement flatterte. «Schau einer an», sagte einer: «Nun ist es so weit: Das ist die erste Hipster-Zeitschrift, die dezidiert pro-kapitalistisch ist.» Und so war es.

Ein paar Jahre später war die «Jungle World» die einzige Hipster-Zeitung, die noch dezidiert anti-kapitalistisch war. Und auch die hatte langsam andere Präferenzen.

Man war zwar nicht gerade einsam als Anti-Kapitalist, aber die Reihen lichteten sich doch beständig während der TINA-Jahre. Die TINA-Formel – There Is No Alternative –, meistens Maggie Thatcher zugeschrieben, wurde ab circa 1991 zum offiziellen Mantra der Posthistoire, die angeblich mit dem Ende der Systemkonkurrenz begonnen hatte. Meistens wurde dieses TINA-Gefühl der Posthistoire als halb panisches, halb begeistertes Paradox vorgetragen: Jetzt ist alles möglich, denn ...

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Theater heute Dezember 2008
Rubrik: Finanzmarkt Spezial, Seite 6
von Diedrich Diederichsen

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