Lasset uns beten

Brecht «Leben des Galilei» am Schauspielhaus Dresden

Am Schluss steht Galilei mit geröteten Augen, geschlagen, apathisch. Für die große Selbstanklage, die Brecht dem Sternenforscher, der vor der Inquisition einknickte, in der letzten Fassung des «Leben des Galilei» beigelegt hat, reicht es nicht mehr. Stattdessen schöpft Galilei sein persön­liches Bekenntnis aus jener Szene, in der er den kleinen Mönch zur Astronomie bekehrte: «Und das Schlimmste: Was ich weiß, muss ich weitersagen. Wie ein Liebender, wie ein Betrunkener, wie ein Verräter.» Worte eines Getriebenen, der die Droge Wissenschaft in hoher Dosis kostete.

Doch ach, Worte nur. Den Rausch, von dem sie künden, müssen wir an diesem Abend irgendwie verpasst haben.

Vor gut drei Jahren hat Armin Petras mit Dürrenmatts «Besuch der alten Dame» – ebenfalls in Dresden und in Koproduktion mit dem Ber­liner Maxim Gorki Theater – gezeigt, wie man durch einen konsequent persönlichen Zugriff auch mit Schulklassikern allen Gefahren der
Didaktisierung entgeht. Dürrenmatts Geld-für-Mord-Parabel verwandelte er in einen komplexen Kommentar auf ostdeutsche Biografien im Dunstkreis der Staatssicherheit.

Mit dem von den Rechteinhabern notorisch sakrosankt gehaltenen Brecht war eine vergleichbar ...

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Theater heute Mai 2013
Rubrik: Chronik, Seite 59
von Christian Rakow

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