Kurzschlüsse und Melancholie

Gerhart Hauptmann «Die Ratten»

Kinderlosigkeit führt heute zu allem Möglichen, zu weiblichen Karriereplänen, demographi­schen Debatten, künstlichen Befruchtungen, Leihmüttern, aber nicht zu Mord. Hauptmanns «Ratten» aktualisieren zu wollen, wäre absurd. Zur Gegenwart aber gehört die selbstreferentielle Struktur dieses Dramas: wie es sich auf sich selbst beziehen muss, wenn es über die Gesellschaft reden will. Und das Beste an diesem monströsen Werk ist: dass es mit Humor und Selbstironie über sich spricht.



David Böschs Bochumer Inszenierung vergnügt sich und uns mit dieser humoristischen Seite, der Schauspielerkomödie. Der Abend beginnt damit, dass der Darsteller des zur Kunstreligion konvertierten Theologiestudenten Spitta (Matthias Eberle) vor den Vorhang tritt und erklärt, warum er Theater mache. Was folgt, ist nur ein Zitat von Max Reinhardt: «Ich glaube an die Unsterblichkeit des Theaters.» Mit großer Geste erklärt er seinem Schauspiellehrer Hassenreuter (Manfred Böll) sein ästhetisches Programm: die Liste der Bochumer Intendanten seit Saladin Schmitt. Prompt rieselt der Kalk aus dem abbruchreifen Gemäuer. Den verheißungsvollen Satz «Das neue Theater muss …» beendet er nach drei Anläufen einfach mit einem ...

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Theater heute März 2011
Rubrik: Chronik, Seite 50
von Gerhard Preusser

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