Im Rausch der Krise

Nach Kieslowski «Drei Farben: Blau, Weiß, Rot»

Gleich zu Beginn kracht es gewaltig, wenn der graue Familien-Volvo senkrecht aus dem Schnürboden stürzt und sich hochkant in die Bühnenbretter bohrt. Zusammen mit einem horizon­talen, abwechselnd blau, weiß, roten Leuchtstreifen bildet er im sonst leeren Bühnenraum von Jens Kilian fortan ein groteskes Fanal abrupt beendeter Lebensträume, einer universell-individuellen Krise, der sich nicht einfach mit einer Abwrackprämie beikommen lässt.



Bereits kurz nach der Wiedervereinigung, als der Kapitalismus gerade wie eine Welle trügerischer Verheißung in den Osten geschwappt war, begegnete der polnische Regisseur Krzysztof Kieslowski den Segnungen der neuen Zeit mit skeptischem Blick. In seinem letzten Werk, der Filmtrilogie «Drei Farben: Blau, Weiß, Rot» aus den Jahren 1993/94, fragte er zusammen mit seinem Koautor, Rechtsanwalt Krzysztof Piesiewicz, wie Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, die blutig erkämpften Ideale der Französischen Revolution (und angeblich auch der westlichen Welt), eigentlich im Privaten funktionieren – wobei Ironie und Zynismus zuletzt tröstlich vor der Liebe kapitulieren dürfen.

15 Jahre später, nachdem die freie Marktwirtschaft fast keines ihrer Versprechungen ...

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Theater heute Mai 2009
Rubrik: Chronik, Seite 55
von Silvia Stammen

Vergriffen